190
„Weißt Du,“ ſagte ſie unter anderm, woran ich heute Morgen gedacht habe? Wenn ich durch das Dorf gehe, dann umringen mich immer ſo freundlich die Kleinen und Jedes beeifert ſich, mir zuerſt ſein Händchen zu reichen; ich möchte mir ihre kleinen Herzen noch mehr gewinnen. Des Nachmittags habe ich ſehr viel Zeit frei, da könnte ich die kleinen Mädchen ſtricken und nähen lehren und ihnen dabei aus einem lehrreichen Buche vorleſen; was meinſt Du, Lucie?“
„O das iſt allerliebſt,“ erwiderte dieſe,„Du biſt eine ſo hübſche und liebevolle Lehrerin, daß die Kleinen gewiß ſehr aufmerkſam und fleißig ſein werden und Du auch den Eltern dadurch eine große Freude bereiten und Dir ihre Liebe gewinnen wirſt.“
„Ich habe ſchon mit Walther darüber geſprochen,“ ſagte Poſa, während Wonne und Glück aus ihren braunen Augen ſtrahlten,„er billigt meinen Vorſatz und will mir zur Ausführung deſſelben behülflich ſein. Ach, es iſt doch ſo ſchön, ein Leben voll Thätigkeit und Wirkſamkeit zu führen.“
Lueie lächelte über den Enthuſiasmus ihrer Freundin, welchen ſie eigentlich nicht begreifen konnte. Denn ihr Leben war immer ein thätiges, wirkſames geweſen und Ge⸗ fühle der eigenen Nutzloſigkeit waren ihr ganz fremd. Roſa aber, die Jahre lang ſich in Kreiſen, die ihrem Thätigkeits⸗ triebe keinen Stoff boten, bewegt, die ſich in mancher


