176
„Du warſt in der Hauptſtadt,“ flüſterte Roſa und ihr Herz pochte, denn dort mußte er ja, wenn er nicht früher
darum gewußt, ihre Trennung von Steineck erfahren
haben.
„Nur auf einige Tage,“ entgegnete Nordeck;„in die⸗ ſer Zeit habe ich auch auf einem Spaziergange Deinen Gatten in einer reitenden Geſellſchaft junger Herren und Damen geſehen.
Roſa wurde blaß und blickte, ihre Hände zuſammen⸗
ſend zu Boden— er nannte ihn ihren Gatten!
Nordeck konnte der Eindruck, den die Erwähnung des Grafen auf Roſa gemacht hatte, nicht entgehen. Er näherte ſich ihr theilnehmend und ſagte, die Hand auf ihre Schulter gelegt und ſie feſt anblickend, mit Rührung:„Du biſt nicht glücklich, an der Seite dieſes Mannes!“—
Roſa ſchlug die Augen zu ihm auf und antwortete: „Möge Gott ihm vergeben, wie er an mir gehandelt!— aber,“ fuhr ſie mit einigem Stocken fort,„das iſt ja vor⸗ über— er iſt ja nicht mehr mein Gatte“—
„Nicht mehr Dein Gatte?“ rief Nordeck außer ſich; „Ihr ſeid geſchieden?“
Das Ja, das auf ihren Lippen ſchwebte, erreichte nicht ſein Ohr, aber der Blick ihres in Thränen ſchwimmen⸗ den Auges beſtätigte ihm das Gehörte.
„Und Du biſt nun ganz allein,“ fragte Walther in dem Tone des innigſten Schmerzes.
„Nur Lucie blieb mir nöch,“ ſagte Roſa;„ſie hat
————


