164
nach einer halben Stunde ihr Haupt erhob, beſchien der Mond, der aus zerriſſenen Wolken blickte, ihr klares, from⸗ mes, beruhigtes Antlitz.
Am nächſten Morgen ſtand Lucie ſchon lange auf der Terraſſe und blickte, auf das Gitter gelehnt, ſpähend in die weite Gegend hinaus, ohne Hermann zu entdecken, der heute länger als gewöhnlich ausblieb. Endlich erſchien er; ſeine ſonſt blaſſen Wangen waren lebhaft geröthet, ſeine Augen leuchteten, ſein ganzes Weſen prägte eine außerordentliche Erregtheit aus. Er ſetzte ſich an die gewohnte Arbeit nieder und ergriff den Pinſel, doch ſeine Hände zitterten, er ver⸗ mochte nicht zu malen.
„Mein Gott, was iſt Ihnen,“ fragte Roſa, die neben ihm ſtand, beſorgt.
„Ja, ich bin heute allzu ſehr aufgeregt, ich muß mich erſt ſammeln,“ ſagte Hermann, indem er mit der Hand durch die braunen Locken fuhr;„denken Sie nur,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu,„der Bruder meines Pflegevaters iſtgeſtorben und hat mir ſein großes Vermögen hinterlaſſen!“
Hermann ſprach dies mit einem Enthuſiasmus, der Jedem, der ſeinen uneigennützigen Charakter kannte, hätte ſonderbar erſcheinen müſſen. Auch Roſa'n, ſo ſehr ſie ſelbſt von dieſer Nachricht überraſcht war, fiel ſeine Begeiſterung auf, ſie kannte ja nicht den wahren Grund derſelben; Lucie aber ahnte ihn, denn ein Blick, der dem ihrigen begegnete, errieth ihr, was in Hermann vorging und ſie ſah erröthend zur Erde, als ſie ihren Glückwunſch mit dem Roſa's vereinigte.
5


