157
allmälige Entfaltung ihrer tiefer gelegenen Vorzüge für ſich einnehmen. Und indem Lucie täglich in Sternthal's Geſellſchaft war, auf ſeine Unterhaltung hörte und ſich über den Einklang ihrer Seelen zu freuen Gelegenheit be⸗ kam, gewann ſie ihn lieb, ohne es zu bemerken. Sie fühlte ſich wohl in ſeiner Gegenwart, ſie trauerte, wenn er einen Abend ausblieb, und die vielen kleinen Aufmerkſamkeiten, die er ihr bewies, machten ihr Freude. Wie ſehr ſie ihm bereits zugethan war, als ſie es ſelbſt noch nicht wußte, können wir aus der folgenden Stelle ihres Tagesbuches entnehmen:
„Geſtern gingen wir Drei wieder unſeren ſtillen Gang durch die ſchöne Natur. Der Abend war mild, die Sonne eben untergegangen und der Mond ſtieg im röthlichen Scheine am öſtlichen Horizont empor. Schweigend ging ich neben Roſa und Sternthal, und während Beide ſich un⸗ terhielten, ſtellte ich einen Vergleich zwiſchen Hermann und Lev an. Es war das erſte Mal, daß ich an Beide zugleich dachte, und ich wundere mich noch jetzt darüber, wie ich ge⸗ rade auf dieſe Zuſammenſtellung verfallen konnte. Aber der Vergleich fiel— eigentlich gegen meinen Willen— zu Gunſten des Erſteren aus. Hermann vekeinigt in ſich edle Männlichkeit mit tiefem Gefühle, das oft ſogar in Schwär⸗ merei übergeht, wodurch er aber nur um ſo anziehender wird. Während ich ſo in meinen Betrachtungen vertieft war, ſtand Roſa plötzlich ſtill und rief:„Hier ſind wir am Wieſenbache und können nicht weiter. Wie ſchade! ich


