334
ſie nunmehr den Rücken kehrten, ſehr bittere Augenblicke erlebt, und traurige Erinnerungen laſſen zuletzt immer die Orte unangenehm erſcheinen, von denen ſie hervorgerufen werden. Wenn dieſe Orte vollends die eigentliche Heimath ſind, ſo liegt in ſolchen Erinnerungen vielleicht etwas noch Aergeres und Stechenderes. Auch das kleine Kind, ſagt hier das Manuſcript, ruht gerne am Buſen der Amme, ſucht mit Begierde und Vertrauen die Bruſt, die ihm bisher ſüße Nahrung gereicht; aber wenn die Amme, um es zu entwöhnen, ſie mit Wermuth benetzt, da zieht das Kindchen die Lippe zwück, macht dann noch einen Verſuch, wendet ſich aber zuletzt davon ab; es weint zwar, aber es wendet ſich ab.
Was wird der Leſer aber jetzt ſagen, wenn er hört, daß Renzo, nachdem er kaum angelangt war und ſich in dem neuen Dorf eingewohnt hatte, allerlei Widerwärtigkeiten und Verdrießlichkeiten dort vorfand. Lumpereien zwar, aber es genügt ſo wenig, um einen glücklichen Zuſtand zu ſtören. Die Sache verhielt ſich mit wenigen Worten alſo:
Schon gute Zeit vor ihrer Ankunft hatte man im Orte viel von Lucia geſprochen, Jedermann wußte, daß Renzo ſo viel um ſie ausgeſtanden hatte und immer feſt, immer treu geblieben war; vielleicht hatte auch der Eine oder Andere für ihn beſonders eingenommene Freund irgend ein Wörtchen fallen laſſen, und ſo war unter der ganzen Einwohnerſchaft eine gewiſſe Neugierde entſtanden das Mädchen zu ſehen; man machte ſich gewiſſe Erwartun⸗ gen von ihrer Schönheit. Nun weiß man ja, wie die Erwartung iſt: phantaſiereich, vorſchnell, zuverſichtlich; ſodann bei der Prufung ſchwierig und mißvergnügt, ſie findet niemals ihre Rechnung, weil ſie im Ganzen nie ſelbſt wußte, was ſie wollte, und nun läßt ſie ſich ohne Mitleid die ſchönen Dinge bezahlen, auf welche ſie ohne Grund gehofft hatte. Als dieſe Lucia endlich erſchien, da begannen Manche, die vielleicht geglaubt hatten, ſie müſſe Haare von wirklichem Gold, Wangen von wirklichen Ro⸗ ſen, zwei Augen eines ſchöner als das andere und was


