Teil eines Werkes 
9.-13. Bdchn. (1851)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

weiß ich alles haben, die Achſeln zu zucken, die Naſe zu rümpfen und zu ſagen:„Iſt es die? Nach ſo langer Zeit nach ſo vielem Gerede hätte man wohl etwas Anderes er⸗ warten können. Was iſt denn ſo Beſonderes an ihr? Sie iſt eine Bauerndirne, wie es ihrer ſo viele gibt. Ein Mädchen wie ſie und noch viel ſchönere findet man überall. Und indem dann dieſe Krittler ſich auf Einzelnheiten ein⸗ ließen, bemerkte der Eine dieſen, der Andere andere Fehler; es fehlte ſogar nicht an Solchen, die ſie ganz häßlich fanden.

So lange nun aber Niemand dieſe Dinge Renzo ge⸗ radezu ins Geſicht ſagte, ſo lange war auch das Uebel nicht groß. Wer das Unheil ſtiftete und den Riß erwei⸗ terte, das waren gewiſſe Zuträger, und was will man ma⸗ chen? Renzo nahm ſolche Bemerkungen bitter genug auf. Er begann ſich Gedanken darüber zu machen und ſich theils gegen denjenigen, der es ihm hinterbrachte, theils und noch weit mehr innerlich bitter zu beſchweren.„Was geht es denn Euch an? wer hat Euch geſagt, daß Ihr Etwas erwarten ſollet? Habe ich Euch die Ohren von ihr vollgeſchwatzt? Habe ich Euch geſagt, daß ſie ſchön ſei? Und wenn Ihr ſelbſt mir das ſagtet, habe ich da nicht jedesmal blos geantwortet, ſie ſei ein braves Mädchen? Eine Bauerndirne! Habe ich Euch je geſagt, daß ich eine Prinzeſſin hergebracht habe? Wenn ſie Euch nicht gefällt, ſo braucht Ihr ſie ja nicht anzuſehen. Wenn Ihr ſchöne Weiber habt, ſo ſchaut dieſe an.“

Und man ſieht jetzt, wie zuweilen eine nichtige Klei⸗ nigkeit genügt, um über den Zuſtand eines Menſchen für ſein ganzes Leben zu entſcheiden. Hätte Renzo ſeinem er⸗ ſten Plane gemäß in dieſem Dorfe bleiben müſſen, ſo würde er wenig Freude gehabt haben. Der Verdruß, den man ihm bereitete, hatte ihn mürriſch gemacht. Er war gegen alle Leute unfreundlich, denn jeder konnte einer der Bekrittler Lucia's ſein. Zwar verſtieß er niemals gegen die Geſetze höflichen Anſtandes, aber Jedermann weiß ja, wie viele ſchöne Dinge man thun kann, ohne die Regel der