320
leben. Sie iſt eine ſchwere Geiſel geweſen, dieſe Peſt; aber ſie iſt auch ein Beſen geweſen, ſie hat gewiſſe Leute
weggeſchafft, von denen wir uns, meine Kinder, nicht hät⸗
ten befreien können. Junge, friſche, rüſtige Leute, ſo daß man ſagen mußte, Derjenige, der ihnen einſt die Leichen⸗ rede halten werde, ſitze noch im Seminar und lerne ſein Latein. Und im Augenblick ſind ſie verſchwunden, hundert auf einmal. Nun werden wir ihn nicht mehr mit jenen grimmigen Schnurrbärten hinter ihm her, mit jenem Hoch⸗ muth, jener Aufgeblaſenheit, ſo kerzengerade, wie wenn er
einen Stock im Rücken hätte, herumziehen und die Leute
anglotzen ſehen, wie wenn alle nur durch ſeine Gnade auf der Welt wären. So iſt er alſo jetzt nicht mehr da, und wir, wir ſind noch da. Er wird hinfort keine ſolche Bot⸗ ſchaften mehr an rechtſchaffene Leute ergehen laſſen. Er hat uns Allen großen Verdruß gemacht, ſeht Ihr, denn jetzt kann man es wohl ſagen.“
„Ich habe ihm von Herzen verziehen,“ ſagte Renzo.
„Und Du thuſt wohl daran, es iſt Deine Pflicht,“ antwortete Don Abbondio!„aber man kann auch dem Himmel danfen, daß er uns von ihm befreit hat. Um nun wieder auf uns ſelbſt zu kommen, ſo ſage ich Euch: thut, was Ihr für gut haltet; wenn Ihr wollt, daß ich Euch
trauen ſoll, ſo bin ich bereit, iſt es Euch anderswo gelegener,
ſo thut, was Ihr wollt. Was den Steckbrief betrifft, ſo ſehe auch ich ein, daß man, da eigentlich Niemand mehr vorhanden iſt, der Euch auf dem Korn hat und es bös mit Euch meint, die Sache nicht all zu ſchwer nehmen darf: zumal da noch jenes gnädige Decret, wegen der Ge⸗ burt des Durchlauchtigſten Infanten dazugekommen iſtz und dann die Peſt! Die Peſt! Sie hat große Dinge wie⸗ der gut gemacht, die Peſt! Nun alſo, wenn Ihr wollt... heute iſt Donnerſtag, am Samſtag verkündige ich Euch in der Kirche: denn was man früher hat thun kön⸗ nen, das gilt nach ſo langer Zeit nicht mehr, und dann habe ich die Freude, Euch zu trauen.“


