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Der Seehof / von Fanny Lewald. Mit 30 Ill. von Heribert König
Entstehung
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Ich ſah in die Höhe. So elend er mich gemacht hatte, es war mein Vater, es waren die Züge, die ich von Ingend an geehrt. Ich war erdrückt von meinem Unglück, mein Weib, meine Zukunft, meine Hoffnungen, Alles war mir verloren und ich hatte den Bruder meines Weibes getödtet.

Ich warf mich an meines Vaters Bruſt, ich würde ein tröſtendes Wort, ein Wort der Barmherzigkeit von ſeinen Lippen, ihm mit einem Leben voll Liebe gedankt haben, ich hätte es als die größte Wohlthat empfunden. Mein Vater gewährte es mir nicht ich hatte es freilich auch nicht von ihm zu fordern.

Denkſt Du hier zu bleiben? fragte er noch einin⸗ und da ich ſchwieg, ſagte er: Du haſt Kummer genug gebracht und Elend genug, über mich und mein Haus. Sollen die Mutter und ich es erleben, Dich in den Händen der Criminal⸗Juſtiz, Dich als Gefangenen zu ſehen?

Ich wußte nicht, was er von mir wollte. Der Gedanke, mein eigenes Leben zu enden, lag mir näher, als der Gedanke, zu fliehen. Und doch, auch zu ſterben fühlte ich mich nicht fähig, ſo lange die holde Geſtalt der Geliebten mir noch ſichtbar war.

Ich hatte mich wieder zu ihr niedergeſetzt, ich wollte ſie ſehen, mir ihr Bild einprägen, mein Schmerz ſchien mir das einzig Berechtigte in dieſer Welt. Eine geraume Zeit mochte ſo vergangen ſein, als mein Vater aus dem anderen Zimmer meinen Namen rief. Ich begab mich zu ihm.

Es iſt Mitternacht vorüber, ſagte er. Was hier zu thun iſt, werde ich thun. Morgen Mittag um zwei Uhr geht unſer Schiff mit der Fluth in See. Wenn Du jetzt von hier abfährſt, kannſt Du um zehn Uhr auf dem Schiffe ſein. Siehe zu, daß Du davon kommſt.

Ich habe nichts zu ſuchen im Leben und in der Welt, ſagte ich.

Du haſt Dein Leben zu erhalten, damit Deine Mutter Deinen Tod nicht zu betrauern braucht! entgegnete er mir kurz und feſt.

Die Erinnerung an meine Mutter riß mich empor und erweichte mir wieder den Sinn.

Und Sie, mein Vater, rief ich, haben Sie kein Wort fir den Sohn, der von Ihnen geht in...

Er ließ mich nicht zu Ende ſprechen.

Ich habe den Befehl für ihn, ſich nicht meinen Sohn zu nennen! ſprach er ſtreng. Und mit hervorbrechender Leidenſchaft fügte er hinzu: Ich habe Dir das Leben gegeben, und einen guten Namen und ein glückliches Loos. Du haſt meinen Namen beſchimpft, Dein Leben verſchwendet, und zum Danke für das glückliche Loos, das ich Dir bereitet, legſt Du mir die Nothwendigkeit auf, mir, dem alten, unbeſcholtenen Manne, dem Senator, Deine Frevel zu verbergen, für Deine Miſſethaten Rede zu ſtehen. Mich dünkt, Du hätteſt nicht eben viel