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könne, andere, in denen ich darüber nachſann, wie ich Claudine auffinden ſolle, wenn man ſie fortgeführt hätte, wie ich meinen Vater dazu zwingen könne, meine Ehe anzuerkennen und die Freiheit meines Handelns nicht anzutaſten. Ein Gedanke, eine Möglichkeit jagten die anderen, und als die Dämmerung endlich einbrach, empfand ich nichts mehr, als die vernichtende Unruhe, an mein Ziel zu kommen, und eine das Herz beklemmende Angſt. Zehn Mal war ich auf dem Punkte geweſen, vom Wagen zu ſpringen, um laufend die Qual des Stillſitzens nicht zu fühlen, welche die größte Eile der Poſtillone mir nicht erleichtern konnte. Es waren ſchwere, laſtende Stunden, bis ich den Hügel hin⸗ anfuhr, von welchem man am Tage den Seehof erblicken konnte, den mir jetzt die Dunkelheit verhüllte.
Siebenzehntes Kapitel.
Mein ganzes Leben war in meinen Augen, und doch traute ich ihnen nicht.
Siehſt Du kein Licht? fragte ich den Poſtillon, der mich die Straße ſchon früher ein paar Mal gefahren.
Licht? Im Seehof? fragte er, indem er langſam hinſchaute und noch langſamer ſprach: da iſt Alles dunkel!
Ich hätte um Alles eine andere Antwort haben mögen, denn die Zimmer, welche Claudine und Mademoiſelle Charpentier bewohnten, lagen beide nach der Straße. Es war heißes Wetter, die Läden, die Fenſter mußten offen, ein Licht in den Zimmern mußte ſichtbar ſein, wenn die Bewohner in dem Hauſe waren.
Ich verlor die Luſt zum Sprechen, und doch verkürzte es mir die Zeit. Ich hatte ſchon auf der Station Erkundigungen eingezogen, daß in den letzten Tagen keine Poſtpſerde nach dem Seehofe genommen worden waren; aber in Lagen, wie die meine damals, möchte man von jedem Menſchen einen Zuſpruch haben, während man doch Scheu vor jedem fremden Worte trägt.
Haſt Du irgend welche Wagen die Tage her, hier nach dem Seehof fahren ſehen?
Ich? Wagen? wiederholte er, nicht Einen! Da fährt ja außer Ihnen keine Seele hin!
Ich hatte eine augenblickliche Beruhigung, der Mond ging während deſſen auf, und endlich erblickte ich Licht in den Zimmern zu beiden Seiten der Thüre. Sie waren alſo da! Sie mochten ruhig im Garten geweſen und jetzt erſt in die Stuben zurückgekehrt ſein. Ich athmete zum erſten Male frei und erleichtert auf. Nach zehn Minuten, und noch zehn— meine Kaleſche hielt vor der Thüre!—— 4


