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Der Seehof / von Fanny Lewald. Mit 30 Ill. von Heribert König
Entstehung
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In acht Tagen ſpäteſtens denke ich zu Hauſe zu ſein. Sorge dafür, Emil ſo lange ruhig und wo möglich im Zimmer zu halten. Iſt die Sache erſt beendet, ſieht er, daß gar keine Hoffnung für ihn da iſt, ſo wird er ſich finden, und mir einſt danken, was ich für ihn gethan habe. Du aber nimm Dir ſeinen augenblicklichen Kummer und ſeine Verirrung nicht ſo zu Herzen. Freilich haſt Du die romanhaften Neigungen in ihn gepflanzt, und ich habe Dich immer vor den Folgen derſelben gewarnt. Aber ſo weit er ſich auch vergeſſen hat, ſo iſt er doch ein Geſchäftsmann geworden, der dieſen Komödien⸗ ſtreich bald ſelbſt anders und im richtigen Lichte betrachten wird. Er wird dieſer ſogenannten heimlichen Ehe und ihrer koſtſpieligen Unbequemlichkeit wohl auch müde ſein. Er wird es uns Dank wiſſen, wenn man dieſem Handel keine Verbreitung giebt, ſondern ihn, wie es geſchieht, im Stillen unterdrückt. Und an der Seite der ihm beſtimmten ſchönen und verſtändigen Frau wird er ſich dieſer Jugendthorheit ſchämen, bis er ſie vergeſſen haben wird.

Der Brief überraſchte mich nicht, er warf mich auch nicht nieder, er gab mir vielmehr das volle Gefühl der Geſundheit zurück. Ich vergaß es, daß ich krank geweſen war, ich empfand nur, wohin ich jetzt gehörte und was ich zu thun hatte.

Ohne einen Angenblick zu verlieren, verließ ich das Haus. Ich ſprach ſelbſt auf der Poſt vor, mir eine Kaleſche und Pferde nach meiner Wohnung zu beſtellen, ſteckte Geld und ein Paar Piſtolen, ohne die ich nie zu reiſen pflegte, zu mir, und als die Glocke Mittags zwölf vom Thurme ſchiug, fuhr ich zur Stadt hinaus um ſie durch mehr als vierzig Jahre nicht wieder zu betreten.

Erſt als ich mich auf dem Wege befand, und Stunde um Stunde an mir vorüberging, begann ich mich zu fragen, welches die nächſten Abſichten des Herzogs und meines Vaters mit Clandinen ſein könnten, und wohin man ſie bis zur Geburt unſeres Kindes bringen werde. Erſt jetzt fing der Gedanke. mich zu quälen an, daß ich zu ſpät kommen, daß man ſie entfernt, ſie mir

eentriſſen haben könnte. Ich malte mir aus, wie man bei ihr eingedrungen, ich ſah ihr Entſetzen bei dem Anblick ihres Bruders und meines Vaters, ich hörte ihr Flehen und ihr Klagen es riß an meinem Herzen.

Bald ſtellte ich mir das leere Haus vor, in das ich kommen würde, bald fragte ich mich, wem ich dort begegnen würde, ob dem Herzoge oder meinem Vater. Ich dachte die Reden und Gegenreden durch, welche Statt haben mußten, ich wollte mich fern halten von allen Rechtfertigungen und Erklä⸗ rungen, welche die Liebe mir eingab, und, mich ganz wie jene beiden auf dem Standpunkt der Vernunft haltend, meine Rechte, meine Pflichten beweiſen, und darthun, wie ich entſchloſſen ſei, mit Claudine Europa zu verlaſſen. Ich hatte Augenblicke, in denen mir es unmöglich ſchien, daß ich kein Gehör finden

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