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thaten, die Du liebſt? Verdient das Schickſal, das Lieben und das Leiden lebender Menſchen weniger Nachſicht, weniger Erbarmen, weniger gerechte Wür⸗ digung, weniger Berückſichtigung der ſie zwingenden und fortreißenden Verhält⸗ niſſe, als die Schickſale erdichteter Geſtalten ſie überall finden, und auch bei Dir ſtets gefunden haben? Willſt Du härter ſein gegen Deinen Sohn..
Meine Mutter unterbrach mich mit ſichtlicher Ungeduld. Zwinge mich nicht zu Erörterungen, mein Sohn, ſagte ſie, ſich mühſam beherrſchend, für die es zwiſchen uns noch nicht die Zeit iſt. Aber vergiß nicht, daß Du Dein Schickſal freiwillig heraufbeſchworen haſt, während wir, Dein Vater, Deine Brüder und ich, ohne unſer Verſchulden die Unehre auf uns laſten fühlen, die Du über uns gebracht haſt! Vergiß nicht, daß wir Dir einen reinen Namen mitgegeben haben in das Leben, und daß wir unſeren Namen rein und unbefleckt hinab nehmen wollen in die Erde, wenn es Gott gefällt uns abzurufen!
Ich wußte jetzt, woran ich war. Meine Krankheit hatte den Sinn meiner Eltern nicht gewandelt. Dennoch verſuchte ich alle möglichen Einwendungen, alle erſinnlichen Vorſtellungen. Sie ſcheiterten ſämmtlich, und meine Mutter verließ mich weinend und im Zorne. Ich ſchrieb ſogleich an Claudine, daß ich mich beſſer befände, daß ich Hoffnung hätte, am nächſten Tage mein Zimmer zu verlaſſen, und daß ich mich zu ihr verfügen würde, ſobald ich erſt einmal in das Freie gekommen wäre und friſche Luft geathmet haben würde. Ich konnte mich der Vorſtellung nicht erwehren, daß mein Vater ſich zu ihr be⸗ geben habe, daß ihr von dieſer Seite irgend ein Schreck, eine Härte drohe. Aber auch diesmal erhielt ich als Antwort die Nachricht, daß es ihr wohl gehe, daß ſie ruhig lebe, und der Brief war ſo ſanft, ſo liebevoll, daß er mich be⸗ wegte, noch einmal eine Unterredung, eine Ausgleichung mit meiner Mutter zu verſuchen.
Es war zeitig am Tage, als ich mich, den erſten Fußweg nach der Krank⸗ heit machend, zu ihr begab. Der ſchöne warme Morgen, das Gefühl wieder⸗ gekehrter Kräfte machte mich heiter. Die Stadt und ihr reges Leben gefielen mir, als hätte ich es nicht von Jugend an gekannt. Die Vierländerinnen mit ihren Blumenkörben mochten mir die gute Stimmung anſehen, denn ſie boten mir von allen Ecken Blumen an, und ich kaufte einen ſchönen Strauß, ihn meiner Mutter mitzubringen. Als ich in mein Vaterhaus kam, fand ich ſie jedoch nicht zu Hauſe. Man ſagte mir aber, ſie werde bald wiederkehren, ſie ſei nur zu einer kleinen Beſorgung ausgefahren, die ſie abzumachen wünſchte, ehe ſie am folgenden Tage wieder auf das Landhaus hinausziehe. Ich ging alſo in das Wohnzimmer, ſie zu erwarten, und ſetzte mich an den Platz vor ihrem Arbeitstiſche nieder. In ihrem Strickkorbe lag unter der Arbeit ein Brief, er trug die Handſchrift meines Vaters. Ich nahm ihn hervor, er war mehrere Tage alt und von Berlin geſtempelt. Mir hatte man geſagt, daß der Vater


