Mein Vater that es an ſeiner Statt. Er trat an mich heran, ſchüttelte mich, und nachdem er den Lehrling in das Nebengemach geſchickt, dort die Läden zuzumachen, ſagte er kurz und feſt, wie es in ſeiner Weiſe war: Wie kann man ſich ſo blosſtellen vor ſeinen Untergebenen! Ein Leben, wie Du es führſt, reibt freilich Körper und Geiſt auf! Geh nach Hanſe und lege Dich zur Ruhe. Vergiß aber nicht, daß Dein vierundzwanzigſter Geburtstag nahe iſt, und daß ich keinen Wüſtling in meinem Hauſe dulden, in mein Geſchäft auf⸗ nehmen will!
Ohne mir Zeit zur Antwort zu laſſen, die auch, ſchlaftrunken und ermüdet, wie ich es war, ſicher nicht von Bedeutung geweſen ſein würde, verließ er mich, und ich blieb mit dem widerwärtigſten Eindrucke zurück. Indeß meine Ab⸗ ſpannung war ſo groß, daß ich ſelbſt über die Drohung meines Vaters, der ſeine beiden älteren Söhne nach vollendetem vierundzwanzigſten Lebensjahre öffentlich als Theilnehmer in die Handlung aufgenommen hatte, mir weiter keine Sorgen machte. Hatte ich doch immer vorgehabt, an dieſem Geburtstage, an dem mein Kind ſchon geboren ſein mußte, das Geheimniß meines bisherigen Lebens zu enthüllen und, falls man ſich mit demſelben nicht auszuſöhnen ver⸗ mochte, mit meiner Familie Europa zu verlaſſen. An dem gedachten Abende glitt das alles jedoch nur wie im Traume durch meinen Sinn, und in meiner Wohnung angekommen, verſank ich augenblicklich wieder in einen tiefen Schlaf, der der Verkünder und der Beginn eines Nervenfiebers war.
Tage und Wochen hindurch lag ich bewußtlos da. Mein Vater konnte es ſich nicht vergeben, mich im Momente meines Erkrankens hart angelaſſen zu haben, meine Mutter hatte ſich in meiner Wohnung eingerichtet und verließ mich keinen Angenblick. Als der Zuſtand der todähnlichen Lethargie vorüber war, als das Fieber und das Irrereden begannen, bezeugten meine zuſammen⸗ hangloſen Worte, womit meine Seele beſchäftigt war. Ich rief nach Claudinen, ich ſprach von Weib und Kind, aber man hielt Claudinen ſeit Jahren für ge⸗ ſtorben, und ſelbſt der Verrath, den ich unwillkürlich an mir beging, klärte die Meinigen nicht völlig auf, obſchon er anfing, meine Mutter zu beunruhigen.
Man war lange vor meiner Krankheit darüber einig geweſen, daß ich einen heimlichen Liebeshandel haben, eine Geliebte unterhalten müſſe. Man hatte an⸗ genommen, daß der Schmerz um Claudinens Verluſt, daß das Bedürfniß mich zu betäuben, mich zu dieſer Verirrung getrieben habe. Aber weil die genaueſte Beobachtung keine beſtimmten Reſultate geliefert, hatte man nicht mit Behaup⸗ tungen gegen mich herausgehen wollen, für die man keine Beweiſe bieten konnte. Mein Vater hegte den Grundſatz, daß Eltern niemals oberflächliche Anklagen gegen ihre Kinder wagen dürften, weil es ihrer Würde zu nahe träte, Unrecht gegen die Kinder zu haben.
Während meine Mutter an meinem Krankenbette varitber nachſann, in
Fanny Lewald, Der Seehof.


