Gewiß, gewiß! antwortete ich, und es war mir zu Muthe, als müſſe ich es gleich herunter nehmen von der Wand.
Ich befand mich überhaupt in der eigenthümlichſten Verfaſſung. Alle die Generationen meiner Familie, welche ich gekannt und vor mir hatte hingehen ſehen, ſtanden in meiner Erinnerung plötzlich wieder vor mir auf. Mein Ur⸗ großvater und meine Urgroßmutter, welche ſo ängſtlich Sorge getragen, dieſem Sohne ſeinen kleinen Beſitz zu erhalten, mein Großvater, welcher dieſes Bruders offenbar mit liebendem Bedauern gedacht, mein eigener lieber Vater, der ihm den Seehof ſo lange verwaltet, und der den Onkel Emil noch in ſeiner Jngend geſehen, allen dieſen Menſchen hatte er angehört, mit Allem, was mir lieb ge⸗ weſen in meiner Kindheit und Jugend, war er verwandt! Er gehörte zu mir, ich gehörte zu ihm! Ich kannte den ländlichen Beſitz, an dem ſein Herz ge⸗ hangen, ich hatte das Bild der Frau geſehen— in dieſem Moment zweifelte ich gar nicht mehr daran— deren Verluſt ihn in die Welt getrieben, ich hatte an der Wiege des Kindes geſtanden, welches er erwartet hatte, und das ihm nicht geboren ſein mußte! Ich fühlte mich ihm verbunden und doch war er mir fremd; ich wußte ſo viel von ihm und kannte doch ſein Schickſal nicht! Aber eine unwiderſtehliche Sympathie zog mich zu dem ſchönen Greiſe hin, und mein ganzes Beſtreben war für jetzt darauf gerichtet, ihn empfinden zu machen, daß er in ſeiner Familie, daß er in derſelben unvergeſſen und hochwillkommen ſei. Denn hoch willkommen mußte der ſchöne Greis mit ſeinen ſanften, klugen und noch immer feurigen Augen jedem Menſchen bei dem erſten Anblick werden.
Ich fragte nicht, woher er käme, nicht, wo er ſo lange geweilt; und da ſein Vater nicht mehr da war, ihm das Mahl zu rüſten, wie er es vorher ge⸗
nannt, ließ ich, ſo gut ich's in der Eile konnte, ein Frühſtück auftragen, zu
dem wir uns kaum niedergeſetzt hatten, als er ſelbſt zu reden anfing.
Es iſt gut, ſagte er, daß der Zufall mich zuerſt zu Dir geführt hat. Du haſt Verſtand und Herz, denn Du legſt Dir die Thatſachen wohlwollend zurecht, ohne nach ihren Urſachen zu fragen. Das iſt gut für Dich und wohlthuend für Andere. Der hamburgiſche Conſul, von dem ich in London Deine An⸗ weſenheit in Paris erfuhr, ſagte mir, daß Du unverheirathet wäreſt. Du wirſt alſo wohl ein paar Tage übrig haben für den alten Gr onkel, der ſich neben Dir allmählich daran gewöhnen möchte, daß er ſeiner Heimat und ſeiner Fa⸗ milie entgegen geht.
Er fing dann an, nach den Schickfalen der verſchiedenen Familien⸗Mit⸗ glieder zu fragen, und war über dieſelben weit mehr unterrichtet, als ich es irgend erwartet hatte. Theils hatte ihm der obenerwähnte Conſul, der ein Landsmann und Jugendgenoſſe von uns war, die erbetene Auskunft gegeben, theils aber hatte er, wie er ſagte, ſchon in America, wohin ſo viele Hamburger in Handels⸗Angelegenheiten kommen, oftmals von den Seinen ſprechen hören.


