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Der Seehof / von Fanny Lewald. Mit 30 Ill. von Heribert König
Entstehung
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Betroffen wich ich einen Schritt zurück, denn auf ein ſolches Begegnen hatte ich unmöglich gefaßt ſein können. Der Unbekannte wurde es gewahr. Er richtete ſich auf, fuhr mit der Hand über die Stirn und ſprach in einer feſten, gelaſſenen Weiſe: Vergib! ich hatte es vergeſſen, daß Du nichts von mir wiſſen kannſt! Vergib! Aber wer ſind Sie? unterbrach ich ihn, von einer plötzlich aufdämmernden Ahnung ergriffen. Dieſe meine innere Bewegung entging dem ſcharfen, beobachtenden Auge 3 meines Gaſtes nicht. Er neigte ſich zu mir nieder, legte ſeine Rechte auf mein 1 Haupt und bat, indem er mich mit freundlichem Blicke anſah: Beſinne Dich! ſpricht nichts in mir Dich als ein Bekanntes, als etwas Befreundetes an?

Sie gleichen im höchſten Grade meinem Urgroßvater, ſagte ich, und ietzt, wie Sie Sich zu mir ſo hernieder neigen jetzt erinnern Sie mich auf

* das Lebhafteſte auch an meinen theuren Vater, der freilich Ihre Jahre nicht erreicht hat.

Ich fühlte mich dabei von dem Blicke des Greiſes ſehr gerührt, auch er wurde bewegt. Erinnere ich Dich, erinnere ich Dich? Nun, ſo ſind doch

nicht alle Bande zerriſſen zwiſchen mir und ihnen, rief er aus, und die folge⸗ rechte Natur hat aufrecht erhalten, was das Leben zwiſchen uns zerſtörte.

Es entſtand eine kurze Pauſe, ich fühlte mich mehr und mehr zu meinem Gaſte hingezogen, und erſt viel ſpäter iſt es mir einmal aufgefallen, daß ich kein Mißtrauen gegen ihn, gegen einen mir ganz fremden Mann empfunden habe, der ſich in ſo ſeltſamer Weiſe bei mir eingeführt hatte.

Hat man Euch nie erzählt, ſagte er nach kurzem Schweigen ernſthaft, daß ein Glied der Familie ausgeſtoßen worden, daß...

Ich ließ ihn nicht enden. Sie ſind Emil! Onkel Emil! der Verſchollene! der Todtgeglaubte! rief ich aus.*

Du weißt alſo von mir, ſie haben mich nicht vergeſſei! nicht vergeſſen! wiederholte er mit bebender Stimme, und indem er mich tief erſchüttert um⸗ armte, fühlte ich ſeine Thränen auf mich hernieder tropfen. Plötzlich aber

5 richtete er ſich au vor das Bild meines Urgroßvaters hin und ſagte, nach⸗ dem er es lange ſtill betrachtet hatte: Er iſt wieder da, der Emil, der ver⸗ lorene Sohn! Aber du biſt nicht mehr da, mein Vater! ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, das Lamm zu ſchlachten für des Sohnes Rückkehr! Und was gäbe ich darum, was gäbe ich darum, könnte ich hintreten und zu dir ſprechen: Vater, da bin ich! Vater, nimm mich auf! Er legte die Hand einen Moment über die Augen, ſchüttelte das ſchöne . greiſe Haupt, als wolle er damit den Schmerz von ſich werfen, und ſagte dann tiefaufathmend: Das iſt vorbei! Aber das Bild mußt Du mir geben, Kind! das Bild muß mein ſein!