Druckschrift 
Der Seehof / von Fanny Lewald. Mit 30 Ill. von Heribert König
Entstehung
Einzelbild herunterladen

haben ſollte. Eine ältere Schwägerin von ihr, die noch lebende Mademviſelle Dubois, ſei gleich mit ihr eingezogen, und ihr junger Schwager, ebenfalls ein Herr Dubois, immer nur zeitweiſe zu ihnen gekommen. Sie ſollten alle vor⸗ nehme Leute geweſen ſein, obſchon ſie ganz für ſich gelebt hätten und nach dem Seehofe nie Beſuch gefahren wäre. Nur als die junge Frau geſtorben, wären plötzlich ihr Mann und ihr Vater eingetroffen. Ihr Mann habe ſich aus Gram das Leben genommen, worauf man einen katholiſchen Prieſter verſchrie⸗ ben und die Eheleute in zwei Gräbern neben einander im Garten des Seehofes beerdigt habe. Später aber, nach der zweiten Franzoſenzeit, hätte man ſie ausgegraben und nach Hamburg geholt, um ſie zu Schiff nach Frankreich in ihre Familiengruft zu bringen.

Dieſe Mittheilung war wenig geeignet, uns Licht zu ſchaffen, aber um ſo mehr dazu angethan, unſere Neugier zu reizen, unſere Vermuthungen zu ver⸗ mehren, und wir brachten nach Hamburg ſtatt der Erfriſchung, die zu ſuchen wir ausgefahren waren, jene Niedergeſchlagenheit mit zurück, welche der Hin⸗ blick auf vergangene und leidensvolle Exiſtenzen in dem denkenden Menſchen unwillkürlich hervorrufen muß.

Zweites Kapitel.

Jener Beſuch im Seehof hatte im Sommer des Jahres achtzehnhundert dreiunddreißig Statt gefunden, und es verging eine geraume Zeit, ehe wir den Eindruck deſſelben in uns überwinden konnten. Mein Bruder geſtand mir, daß ihm jene Scenerie oftmals im Traume als Hintergrund der wunderbarſten Vor⸗ gänge erſcheine, und ich ſelbſt wurde das Andenken daran nicht los. Immer wieder ſah ich die Stuben mit ihrem verblaßten Mobiliar, das leere Bett, die unbenutzte Wiege oder das verwilderte Treibhaus vor Augen, immer wieder ſchwebte mir die greiſe Franzöſin vor der Seele, und wenn ich mich damit beſchäftigte, was ſie Trauriges in dem verlaſſenen Landhauſe erlebt haben mochte, tönte mir jedesmal die ſchwermüthige Melodie der Spieluhr im Gedächtniß wieder, und ich betraf mich darauf, die Verſe:

Ainsi tousjours les ccurs sensibles, Sont nés pour stre malheureux! vor mich hin zu ſummen.

Zu thun war augenblicklich in dieſer Angelegenheit nichts. Das Land⸗ haus mußte noch im Beſitze der Familie bleiben, obſchon es kaum anzunehmen war, daß der Großonkel nach der vierzigjährigen Entfernung von der Heimat,