nommen werden. Die Frauengarderobe, die Frauenwäſche war nicht reichlicher,
als eine Dame ſie auf Reiſen brauchen konnte, aber ſie war koſtbar und faſt
prächtig, während das eben ſo werthvolle Kinderzeug auch der Maſſe nach ſehr vollſtändig genannt werden konnte. Die Frauentviletten waren, wie man ſehen konnte, getragen worden, das Kinderzeug aber offenbar niemals gebraucht.
Schweigend betrachteten wir die langen Schleppkleider, die breiten Taillen⸗ bänder, die Bruſttücher mit mechelner Kanten beſetzt, die Haarbänder, Hauben, Fächer, Nähgeräthe, und alle jene Kleinigkeiten, welche der Luxus jener Tage zu Bedürfniſſen erhoben hatte, und die uns jetzt ſchon ſo fremd erſchienen, während das liebevoll vorausbeſorgte und nie benutzte Kinderzeug etwas höchſt Trauriges für mich hatte.
Es iſt mir zu Muthe, als wohnte ich in Pompeji einer Aufgrabung beil rief mein Bruder aus, nur daß die Sache uns nahe genug angeht! Was be⸗ ginnt man hier mit dieſen Dingen?
Mir ſelbſt war es auffallend, daß die anerkannte genaue Sparſamkeit mei⸗ ner Großeltern dieſe immer in gewiſſem Sinne noch werthvollen Gegenſtände hier dem Zufalle Preis gegeben hatte. Wir trafen aber in dem Glauben zu⸗ ſammen, daß es nur auf einen ausdrücklichen Befehl der Urgroßmutter alſo geſchehen ſein könne. Und da mein Bruder ſich nicht entſchließen mochte, der Mademoiſelle Dubvis, deren Seele an dieſen Sachen zu hangen ſchien, die⸗ Felben plötzlich fort zu nehmen, ſo entwarſen wir nur ein oberflächliches Ver⸗ zeichniß davon, ſagten der Haushälterin, daß wir ſpäter einmal darüber be⸗ ſtimmen würden und daß wir ſie bis dahin für die gute Aufbewahrung des Ganzen verantwortlich machten. Dann fuhren wir, nachdem wir die Greiſin über die Fortdauer ihrer Penſion beruhigt und von ihr Abſchied genommen hatten, nach dem nächſten Flecken zurück, in dem ſich die Poſtſtativn und auch die Kirche befanden, in welcher der Seehof eingepfarrt war.
Konnten wir irgend etwas Genaneres über die einſtigen Bewohner des Hauſes erfahren, ſo mußte es ſich in dem Kirchenbuche finden, und mein Bru⸗ der rechnete mit ziemlicher Gewißheit auf daſſelbe, da die Fremde im Seehofe geſtorben war, und alſo in der Kirche eine Anzeige davon gemacht worden ſein mußte. Der Pfarrer jedoch, an den wir uns wandten, und der augenblicklich
das Kirchenbuch jener Jahre nachſah, konnte nichts darin entdecken, was uns anging. Er war ein junger Mann und wußte kaum etwas von den jetzigen, geſchweige von den früheren Bewohnern des Seehofs; doch meinte er, von dem alten Küſter einmal irgend etwas darüber gehört zu haben, und ließ dieſen auf unſere Bitte zu ſich rufen.
Der Küſter indeſſen hatte auch nichts anderes zu berichten, als eine Erzäh⸗ lung ſeines emeritirten Vorgängers, nach welcher zur Emigranten⸗Zeit eine junge und ſehr ſchöne Madame Dubvis den Seehof gekauft und eingerichtet
Fanny Lewald, Der Seehof. 2


