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erzogen wurden. Wenn wir am Abend unſer Nähzeug fortgelegt, der Haus⸗ halt beſorgt, für den Bedarf des nächſten Tages unter der Mutter Leitung das Nothwendige vorbereitet war, wenn die Lichter angezündet wurden, und nun die Ruhe des Feierabends begann, deren Genuß nur der Thätige kennt, ſo wollten wir für dieſe Zeit der Muße auch etwas Beſonderes haben. Wir wollten nicht mehr an dasjenige denken, was wir eben ſelbſt geleiſtet hatten, wir trugen auch gar kein Verlangen, unſer Leben und unſere Zuſtände in einer beſonderen Verklärung vor uns zu ſehen, ſondern wir ſehnten uns nach etwas Höherem, wie wir es nannten, nach etwas, das uns dem täglichen Leben ent⸗ rückte, das wir anſtaunen und bewundern konnten; und ein Roman, der uns erbauen ſollte, mußte ſich um andere Dinge und Figuren bewegen, als um Landleute, Nähmädchen, Commis und Kammerjungfern, wie es jetzt geſchieht. Ohne ein adeliges Fräulein, ohne eine Gräfin thaten wir es nicht, und ſollte die Sache uns zu Herzen gehen, ſo mußte eine edle, ſchöne Frau das Opfer ihrer rückſichtsloſen, unglücklichen Liebe werden, oder wir mußten, wie in den Romanen der guten Amalie Schoppe, wo möglich irgend eine Hofdame haben, die, in tngendhafter Liebe für einen ſchönen Kronprinzen entbrannt, ſich ſchwei⸗ gend zurückzog, und ein erhabenes Muſter der Entſagung für uns wurde⸗
Jetzt freilich lächeln Viele über die Rührung, der wir uns damals mit ſolchem Genuſſe überließen. Die Vorzeit erſcheint der jetzigen Iugend empfind⸗ ſam und überſpannt, denn dieſe letztere iſt vernünftig. Entſagung gilt ihr für Thorheit oder Schwäche, die unglückliche Liebe iſt aus der Mode gekommen. Die jungen Männer tröſten ſich in geſchäftlichen Speculationen über eine fehl⸗ geſchlagene Liebeshoffnung, den Mädchen ſpricht man, wie mir ſcheint, ſehr vor der Zeit, von der Erziehung für die Ehe, und das mag recht vorſorglich, recht verſtändig ſein, ich tadle auch diejenigen nicht, die ſo empfinden, oder beſſer, die ſo denken können. Jedoch das Menſchengeſchlecht beſteht nit nur aus hülfsbedürftigen Kindern. Es ſind auch Männer auf der Welt, die Anſpruch haben an das Weib, und ehe das Mädchen zur Mutter heranreift, muß es ſich gebildet und erzogen haben durch die Liebe und die Leidenſchaft für den Mann. Die Mädchen trugen auch ſonſt weniger Verlangen nach der Ehe, als nach der Liebe, und mag die jetzige Generation auch noch ſo viele Vorzüge haben, leiden⸗ ſchaftlichere und zärtlichere Liebhaberinnen waren wir und unſere Mütter, und vollends unſere Großmütter gewiß. Eine recht romantiſche, eine unglückliche Liebe galt uns wie ein Adelsbrief des Herzens, und in meiner Ingend brüſteten wir uns ſchon etwas damit, wenn uns einmal eine recht romantiſche iebes⸗ geſchichte in der Familie vorgekommen war. 2 2
In jedoch war zu meiner Zeit von Nomantik nichts zu ſpüren. Wir bewohnten ein großes, helles Haus, hinter deſſen hohen, ſpiegel⸗ blanken Fenſtern ein ungewöhnliches Ereigniß gar nicht an ſeinem Platze ge⸗
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