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Der Seehof / von Fanny Lewald. Mit 30 Ill. von Heribert König
Entstehung
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weſen wäre. Meine Onkel und Tanten von beiden Seiten der Familie waren eben ſo behaglich eingerichtet, und ſelbſt in dem alten Gebäude, in welchem unſer Urgroßvater ſein Geſchäft begründet hatte und in dem die Großeltern wohnten, ſah Alles ſo bürgerlich tüchtig und ſo einfach aus, daß man gar nicht darauf kommen konnte, auch nur an irgend eine Spukgeſchichte, geſchweige denn an einen Roman zu denken. Man machte ſich ſogar eine Art Familienſtolz daraus, keine Geheimniſſe zu haben, und Alles, was die Einzelnen oder die Geſammt⸗ heit betraf, in Gegenwart der Kinder beſprechen zu können.

Nur über einen Bruder meines Großvaters, der Emil geheißen hatte, und als ein nachgebornes Kind der Liebling ſeiner Eltern geweſen ſein ſollte, ſprach man nicht. Alles, was ich und meine Altersgenoſſen über ihn gelegentlich er⸗ fahren oder eigentlich errathen hatten, beſchränkte ſich darauf, daß er ſehr jung nach Amerika gegangen und nicht zurückgekommen war. In einer Handelsſtadt, in einer Familie von Kauflenten, in welcher die Männer, die ſich faſt ohne Ausnahme in fremden Welttheilen verſucht, und mannigfache Gefahren über⸗ ſtanden hatten, lag aber in ſolchem Verſchwinden eines jungen Menſchen nichts, was uns Nachlebende weſentlich hätte beſchäftigen können, und als ich ſpäter

us der Familie in die Welt getreten war, dachte ich viele Jahre hindurch nicht an den verſchollenen Großonkel oder gar an ſein Geſchick. Nur bei dem Tode meines Vaters, der einige Jahre nach des Großvaters ſpätem Ableben erfolgte, wurde ich an den Großonkel erinnert. Mein Vater hatte namlich ein kleines Beſitzthum deſſelben, ein Landhaus, aus der Erbſchaft des Großvaters überkommen, und es fragte ſich jetzt, da mein Vater geſtorben war, wer fortan die Beaufſichtigung deſſelben übernehmen ſollte. Es war von dieſem Landhauſe wohl gelegentlich einmal geſprochen worden, aber trotz der großen Pietät, mit welcher Jeder in der Familie den Willen der verſtorbenen Großeltern aufrecht zu erhalten beſtrebt war, hatte ich doch zu bemerken geglanbt, daß ſchon mein Vater die Erwerbung des Seehofs eher als eine Laſt, denn als eine Annehm⸗ lichkeit für ſich betrachtet hatte. Im Ganzen war jedoch, wie ſchon geſagt, von dem Landhauſe ſehr ſelten die Rede geweſen, und ich wußte nur, daß es dem verſchollenen Großonkel Emil gehört, und daß die Urgroßmutter es in ihrem letzten Willen ausdrücklich feſtgeſetzt hatte, den Seehof nicht eher zu verkaufen, als bis achtzig Jahre nach der Geburt ihres Sohnes Emil, des Beſitzers von Seehof, verfloſſen ſein würden.

So lange ich denken konnte, war Niemand von der Fanilie im Seehof geweſen, obſchon er kaum eine Tagereiſe von Hamburg gelegen war, und ſo viel ich mich erinnern konnte, hatte ich auch keine Schitdn des Beſitzes machen hören. Nur einmal hatte mein Großvater bei einem Anlaſſe, der mir dunkel iſt, die Aeußerung gethan: ſo lange ſein Bruder Emil noch leben könne, müſſe len dieſes Fleckchen Erde ihm erhalten bleiben, und wer von den