Druckschrift 
Der Seehof / von Fanny Lewald. Mit 30 Ill. von Heribert König
Entstehung
Einzelbild herunterladen

Es war ein Zufall, der mich heute in die Vergangenheit zurückführte. Ich hatte ein altes Dokument zu ſuchen, und während ich damit beſchäftigt war, gerieth mir ein kleines Miniaturgemälde in die Hände, das ich ſeit langen Jahren nicht mehr angeſehen hatte. Es ſtellte ein ganz junges, ſehr ſchönes Mädchen dar, das nach der Sitte, welche im vorigen Jahrhundert herrſchte, als Prieſterin oder doch als Opfernde gemalt iſt. Dieſes Bildniß ſtammt aus dem Nachlaſſe meines Urgroßvaters her, der wie alle meine Vorfahren Kauf⸗ mann, und zur Zeit der erſten franzöſiſchen Emigration ein ſehr angeſehener Handelsherr in unſerer Vaterſtadt Hamburg geweſen iſt.

Ich hatte das Bild zum erſten Male noch bei Lebzeiten meiner Urgroß⸗ mutter geſehen und von ihr ſelber erfahren, daß es eine franzöſiſche Prinzeſſin darſtelle. Das war aber noch in den frühen Jahren geweſen, in welchen ich alle Menſchen, die nicht meine Eltern waren, für meine Onkel und Tanten hielt, und ſo hatte ſich denn in mir auch der Gedanke feſtgeſetzt, dieſe Prinzeſſin ſei meine Tante geweſen. Mich darüber zu wundern, war mir niemals einge⸗ fallen, denn Kinder wundern ſich über nichts, weil jeder Tag ihnen neue Erfahrungen bringt, die alle etwas Wunderbares für ſie haben. Indeß in meiner Phantaſie hatte ſich der Glaube an jene Tante einmal feſtgeſetzt, und als dann meine An⸗ ſichten von den Verhältniſſen und Zuſtänden um mich her ſich allmählich berichtig⸗ ten, hatte ich von jenem Erlebniß und von dem Bilde nicht zu ſprechen gewagt.

Ob dies aus der Furcht geſchah, man könne mir den Glauben an die ſchöne Tante zerſtören, oder ob ich mich erinnerte, daß die Urgroßmutter das Bild mit einer gewiſſen traurigen Heimlichkeit beſeitigt hatte, oder ob ich alſo aus Beſcheidenheit nicht darnach fragen mochte, das weiß ich jetzt nicht mehr. Dafür aber ſchweben mir noch deutlich alle die phantaſtiſchen Ideen vor, die ſich in meinem kleinen Kopfe in Bezug auf jenes Bild entſponnen hatten, und ich war ſchon ein ganz erwachſenes Mädchen, als ich mich, wenn ich mit meinem Nähzeug ſtill da ſaß, noch oftmals mit der ſchönen Prinzeſſin beſchäftigte und allerlei romanhafte Geſchichten erſann, deren Heldin ſie war, und die ich dann immer in in näheren oder ferneren Zuſammenhang mit unſerer Familie zu bringen verſuchte.

Wir Mädchen waren damals, d. h. vor dreißig Jahren, viel romantiſcher geſinnt, als die jetzige Jugend, weil unſere Beſchäftigung, ſelbſt in den wohl⸗ habenden Familien, eine ganz praktiſche war. Wenn wir den Tag über in häuslicher Arbeit thätig geweſen waren, konnten uns Schilderungen der arbei⸗ tenden Stände, wie ſie jetzt in Dorf⸗ und Stadtgeſchichten und in allen den tauſend kleinen Erzählungen Mode ſind, nicht ſonderlich reizen. Wir hatten an unſerer eigenen Arbeit genug, trugen alſo kein arbeitenden Bauern, nach Dienſtboten⸗ und Handwerkergeſchichten, o dnach Schilderung der häuslichen Mühen und Familiennöthen, mit denen wir ſelbſt zu thun hatten, und die zu bekämpfen und zu überwinden wir von unſerer Kindheit an

3 3

4