129
es unendlich viel Zerſtreuungen, kaum, daß ich eine Stunde vor meinem Gemälde ſitzen kann; auch Nanette ſteht jeden Augenblick auf... wir haben uns halt tauſend Dinge zu ſagen. Aber bei aller Lieve, die aus ihren Augen leuchtet, iſt ſie die Sin⸗ nigkeit und Vernunſt ſelbſt.„Freund,“ ruft ſie mir zu, wenn ich zu oft den Pinſel niederlege,„bedenke, du haſt viele Pflichten auf Dir!“ Seufzend kehre ich dann an die Arbeit zurück. Gottlob können wir Maler Abends ausruhen, und dann entſchädige ich mich bei ihr für die Entbehrungen des Tages. Das liebe, gute Weib iſt die erſte, die mich auf⸗ fordert, meine Wohlthäterin zu beſuchen. Mit jedem Augenblicke entdecke ich neue Tugenden, neue Reize an meiner Lebensgefährtin. Ihr Geſpräch iſt einfach und kunſtlos, natürlich und doch ſo zauberiſch; ihr Geſchmack zart und gebildet; ihr Geiſt anmuthig und liebenswürdig; Nichts iſt in Sprache und Benehmen, was im Geringſten gegen die zarte Lebensart ver⸗ ſtieße, und doch iſt ſie nur die Tochter eines ſchlich⸗ ten Waſſerträgers. Wer hat ſie das gelehrt? Offen⸗ bar gehört ſie zu den von der Natur vorzugsweiſe begünſtigten Geſchöpfen, zu jenen reinen Naturkin⸗ dern, die Alles aus ſich ſchöpfen und keiner Unter⸗ weiſung bedürfen. Mein zweiter Beſuch bei der Frau Gräfin fällt mir ſchon leichter, und doch fühle ich mich gedrückt, wenn ich Adolphinen anſehe. Ach, die erſten Ein⸗ vrücke kommen ſchnell und verſchwinden langſam, ſehr langſam! Meine Wohlthäterin zürnt, daß ich


