Anfangs denke ich nur an Ranelte; aber je mehr ich mich der Wohnung der Gräfin nähere, um ſo verlegener und beklommener werde ich. Ach, das Wohlthun iſt ſchwerer als man glaubt, vor Allem, wenn man mit zarter Schonunß dabei verfahren will. Und dann ſoll ich Adolphinen wieverſehen nach lan⸗ ger, langer Trennung! Ich fühle keine Liebe mehr für ſie, mein Herz gehört ganz Nanette an, und dennoch zittere ich bei dem Gedanken an das Wieder⸗ ſehen mit Adolphinen!... Aber Muth, vergiß alles Frühere und bedenke, daß ſie für dich nichts weiter iſt als eine Freundin und die Lochter deiner Wohl⸗ thäterin.
Jetzt ſtehe ich vor ihrer Wohnung, einem Häus⸗ chen von beſcheidenem Ausſehen, und im vierten Stocke dieſes Hauſes wohnt— die frühere Beſitzerin eines glänzenden Hotels, die Herrin von mehr als zehn betreßten Dienern. Dergleichen Glückswechſel find faſt etwas Alltägliches, dennoch erfüllen ſie uns mit Wehmuth.
Zitternd ſteige ich hinauf. Je weiter ich komme, um ſo mehr entſinkt mir der Muth. Vor der Thüre bleibe ich einen Angenblick ſtehen und ſammle friſche Kraft. Als Lucilie mich erblickt, ruft ſie laut aus vor Freude:
„Wie werden die Damen ſich freuen! Ich will Sie geſchwind anmelden.“
„Halt, Lucilie! Erſt geloben Sie mir, daß Sie keiner meiner Angaben widerſprechen wollen.“


