Spiſt nicht meine Schuld, daß ich nicht ausgehe und des Abends Junkt zehn Uhr eingeſperrt werde.“
Rach ſolchem Geſtändniß brauchte der junge Of⸗ fizier nichts weiter, als auf Mittel und Wege zu ſinnen, wie er ſeiner Schönen ſich nähern könne; denn mit der Rolle des Zeiſigs vor dem Fenſter war er nicht zufrieden. Aber wie der kleinen Nichte ſich nähern? Die Tante hütete ſie wie ihren Augapfel: bei Tage durfte ſie nicht aus dem Hauſe gehen und Nachts wurde ſie in ihrer Kammer eingeſchloſſen. Wäre nur das Fenſter des jungen Mannes nicht ſo weit ab ge⸗ weſen, dann hätte er auf einem Brett wie auf einer Rutſchbahn hinüberklettern können; aber leider betrug die Entfernung ſechszehn Fuß und wo iſt ein Zimmer, deſſen Boden Dielen von ſolcher Länge hat? So mußte er ſich den Schlüſſel zu Aglae's Kammer zu verſchaffen ſuchen; es gab kein anderes Mittel. Daher wiederholte der Zeiſig allmorgentlich ſeinem Schätzchen:
„Gib' den Schlüſſel, geſchwind! Suche den Schlüſ⸗ ſel zum Käfig!“ oder auch:„Oeffne mir die Thüre, ſei barmherzig!“
Fräulein Aglae, die noch vor wenig Wochen vor keinem Spiegel ihr Strumpfbändchen angelegt hätte, aus Furcht, den Teufel oder ſonſt was darin zu er⸗
blicken, wußte ſchon nach einigen Tagen den Schlüſſel zu ihrer Kammer aus dem Arbeitsbeutel ihrer Tante
wegzupraktiziren, als dieſe ihre Brille verlangte. Kaum hat der kleine Nichtsnutz den Schlüſſel erwiſcht, ſo nimmt ſie hurtig den Zeiſig vom Fenſter fort, denn der Wind geht ſo und der Himmel iſt voll Lämmerwölkchen.


