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„Theure Freundin, unſere ſchönen Tage find vor⸗ über: wir haben die Schale der Wolluſt ausgetrun⸗ ken und unſere guten Biſſen verzehrt, jetzt müſſen wir den Kelch der Bitterkeit leeren.“
„Was ſoll das heißen?“ fragt die kleine Colori⸗ ſtin, ihren Geliebten erſtaunt anblickend.
„Das ſoll heißen, daß ich keinen Heller mehr habe und demzufolge bei meinem Freunde Heinrich Jumieres eintreten muß; jetzt muß ich arbeiten wie ein Beſeſſener, um ein Paar elende Thaler zu ver⸗ dienen, und kann meine Zeit nicht mehr damit zu⸗ bringen, Dir die Cour zu machen und Dich ſpazieren zu führen.“
„Wenn Dich das betrübt,“ verſetzt Cölina,„ſo haſt Du ſehr unrecht: das Arbeiten iſt nicht lang⸗ weilig, im Gegentheil, ich war früher, als ich nichts Anderes wie ſpazieren gehen, mich unterhalten, kurz nutzlos leben wollte, auch Deiner Anſicht, ſeit ich mich aber der Arbeit hingegeben, habe ich die Ueber⸗ zeugung gewonnen, daß das Vergnügen weit größer iſt, wenn man es nicht immer hat. Ich habe Dich, ſeit Du bei mir biſt, mehrmals gähnend, gelang⸗ weilt, ſchläfrig geſehen, weil Du nicht wußteſt, wie Du Deine Zeit todtſchlagen ſollteſt. Wenn Du arbei⸗ teſt, wird dieß nicht der Fall ſein; dann werden Deine Stunden ſchnell vergehen und Du Dich weit beſſer unterhalten, wenn Du Muße dazu haſt. Auch iſt Dein Freund Heinrich kein Tyrann, Du wirſt mich alle Tage oder wenigſtens häufig beſuchen können, und vielleicht wird Deine Liebe, die nach und nach


