99 und ſeine Gemüthsbewegung wächst. Er hatte ihre Geſichtszüge durch die Fenſterſcheiben nur unvollkom⸗ men bemerken können, und der reizende Gegenſtand, den er vor ſich ſieht, ſteht hundert Mal über dem Bilde, das ſeine Erinnerungen und ſeine Einbil⸗ dungskraft ſich ſchufen. Er bleibt beſtürzt und unbe⸗ weglich ſtehen und wagt es nicht, einen Schritt vor⸗ wärts zu thun, da er noch an ſeinem Glücke zwei⸗ felt und wonnetrunken das liebenswürdige Mädchen betrachtet, das ihn anlächelt und ſeine Hand mit den Worten ergreift:„Treten Sie doch ein, ſetzen Sie ſich nieder und wärmen Sie ſich. Wie! fürchten Sie ſich denn vor mir?“ 3
„Dieß habe ich ihr geſagt,“ fällt Margarethe ein, „allein ſie iſt unglaublich furchtſam! Uebrigens gereicht ihr dieß zum Lobe; möchte ſie in Paris dieſe Beſchei⸗ denheit noch lange beibehalten!“
Blanca faßt den jungen Studenten bei der Hand und führt ihn an das Kamin. Als ihre zarten Fin⸗ ger die ſeinigen berühren, athmet Urhain kaum und ſagt mit ſchwacher Stimme:„Ach, Mademoiſelle, wie ſind Sie ſo gütig!“
„Ach, ſie hat eine ſehr einnehmende Stimme,“ ruft Blanca alsbald aus,„findeſt Du es nicht ſo, Margarethe!... eine Stimme, die ich, ſcheint es mir, ſchon einmal gehört habe.. Es iſt ſonderbar ... ich kann mich nicht erinnern...“
„Sie täuſchen ſich, mein Kind,“ ſagte Marga⸗ rethe;„was mich betrifft, ſo finde ich Urſula's Stimme ein wenig dumpf; allein bedenken wir, daß wir ſie


