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Carleſia zögerte einige Augenblicke mit der Ant⸗ wort, dann ſagte ſie nicht ohne Anſtrengung:„Herr Adhemar iſt ein Fremder für mich.— Genug! Sie wollen mir nicht weiter ſagen... ich ſoll nicht weiter in Sie dringen; da Sie mir jedoch die Verſicherung geben, daß meine Eiferſucht ungerecht ſei, ſo will ich Ihnen glauben. Ja, ich will Ihnen glauben, ich würde zu ſehr leiden, wenn ich das Gegentheil denken müßte; ich leide ſchon genug dadurch, daß ich Ihr Zutrauen verloren habe. Sie halten mich deſſen nicht mehr für würdig, da Sie mir ja nicht weiter ſagen, nicht weiter bekennen wollen.. denn
daß irgend ein Verhältniß zwiſchen Ihnen Beiden ſtattgefunden hat, iſt mir klar... Sie wollen mir es alſo nicht anvertrauen?“
Carleſia ſchlug die Augen nieder und antwortete nichts. Mathilde ſchwieg, mit einem Blick auf die⸗ jenige, die vor ihr ſaß; man ſah, daß ſie noch hoffte, Madame Valmiran werde ſprechen. Als aber nach mehreren Minuten Carleſia immer noch ſchwieg, ſtand Mathilde plötzlich auf und rief:„Achl ich ſehe wohl, daß alle meine Bitten umſonſt ſind... daß meine Stimme nicht bis in Ihr Herz dringt! Aber auch ich war wohl zu ſtolz! Wie konnte ich, eine ſtrafbare Frau, welche alle ihre Pflichten verletzt, daran denken, daß man in mein Herz ein Geheimniß niederlegen werde, wie wenn ich dieſes Freund⸗ ſchaftzeichens noch würdig wäre! O nein! ich bin nun ein Gegenſtand der Verachtung!— Mathilde! Sie ſind ſehr grauſam!“ flüſterte Carleſta, indem ſie ihr
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