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Mathilde war zeitig aufgeſtanden und kleidete ſich bereits zum Ausgehen an, obſchon es noch nicht Zeit dazu war. Jeden Augenblick ſchaute ſie nach der Uhr und ſagte:„Noch nicht Mittag! Dieſe Stunde will heute gar nicht kommen.“
Endlich ging ſie noch eine Viertelſtunde vor Mittag fort, nahm ein Gefährt und ließ ſich zu Madame Valmiran führen.
Carleſia bewohnte ein Zimmer hinten in einem Hofe eines ſchönen Hauſes der grünen Straße im Faubourg Saint⸗Honoré. Wer dort wohnt, ſehnt ſich augenſcheinlich nach Ruhe und Einſamkeit. Ma⸗ thilde dachte mit Freuden daran, daß dieß nicht das Stadtviertel Adhemars ſei.
Frau Valmiran war allein in ihrem Boudoir; ſie hatte ein kleines Käſtchen vor ſich, in welchem ſie Briefe und Papiere zu verwahren pflegte. Als man ihr Mathilde anſagte, verſchloß ſie eilig einen Brief darin, den ſie ſo eben geleſen hatte, und ging dann ihrer Freundin entgegen. Sind dieſe beiden Frauen, welche ſich den Tag vorher die Beweiſe einer ſo wahren und wechſelſeitigen Zuneigung gegeben, wohl immer noch Freundinnen? Man könnte daran zweifeln, wenn man ſie jetzt bei einander ſieht.
Das Lächeln Mathildens war erzwungen. In den Blicken, die ſie auf Carleſia heftete, ſprach ſich das Verlangen aus, in der Tiefe ihrer Seele zu leſen, ein Verlangen, das man nicht von ihrem Wohlwollen gegen ſie herleiten konnte; ihre Stimme ſogar hatte einen andern Ton: ſie war trocken, abgebrochen, ſie


