Teil eines Werkes 
2. Th. (1844)
Entstehung
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zur Rede zu ſtellen, ob ich keine Abneigung gegen

Den habe, an den ſich mein Schickſal knüpfen ſollte? Während der erſten Jahre meiner Verheirathung be⸗ ſuchte ich oft meine Freundin, und wir Beide theilten einander unſere Leiden mitz; ſie litt, weil ſie keine Liebe für den Mann fühlen konnte, der ſie anbetete, und ich war im höchſten Grade traurig, daß ich in

dem Gatten, den man mir gegeben, keinen Mann

finden konnte, der in meiner Seele zu leſen, mein Herz zu verſtehen wußte. Bald jedoch wurde meine Freundin Wittwez ſie hatte jetzt freie Hand und war Herrin eines großen Vermögens; ſie wollte nun ihrem Hange, den ſie immer zum Reiſen gehabt hatte, ein Genüge thun. Obgleich ein Jahr jünger als ich hat meine Freundin doch mehr Geiſtes⸗ und Charakter⸗ ſtärke; es iſt eine ſtolze, hochmüthige Seele, welche keine Beleidigung verzeiht; ihr Herz iſt gleichwohl im höchſten Grade gefühlvoll, aber dieſe übertriebene Reizbarkeit macht ſie empfindlicher, als eine Andere, denn ſie fühlt bei der leiſeſten Berührung lebhaft, und wenn ſie je die Liebe kennen lernt, ſo fürchte ich ſehr, dieſe Leidenſchaft möchte für ſie eine Quelle der Leiden werden. Sie iſt bereits ſeit mehreren Jahren verreist, und ihre Abreiſe hat eine große Leere in meinem Herzen zurückgelaſſen; ſie ſchrieb mir anfangs oft, in der Folge aber wurden ihre Briefe ſeltener, kürzer, dunkler. Sie kündigte mir ein großes Ereigniß an, das ſie mir mittheilen müſſe; dann blieb ich lange Zeit ohne Briefe von ihr, und als ich endlich wieder einen von ihr erhielt, deutete ſie nur darauf hin,