Teil eines Werkes 
2. Th. (1844)
Entstehung
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Bedürfniß einer wahren Zuneigung. In der Anſtalt, in der ich erzogen wurde, fand ich eine Freundin, und mein ganzes Glück beſtand darin, in ihren Buſen meine Leiden wie meine Freuden auszuſchütten, ihr meine geheimſten Gedanken mitzutheilen; ſie ihrerſeits hatte auch kein Geheimniß vor mir. Dieſes gegen⸗ ſeitige Vertrauen hatten wir uns für eine ewige Dauer zugeſchworen, ſelbſt wenn wir die Anſtalt verlaſſen haben würden. Je nun! haben Sie oder Ihre Freundin ihr Wort nicht gehalten? O, weder die

Eine, noch die Andere! Wir lieben uns noch eben ſo ſehr, aber die Umſtände haben uns getrennt. Ein

ſehr reicher Mann heirathete ſie! Er betete ſie an, ſie liebte ihn nicht, aber ihre Eltern drangen auf die Heirath. Ich meinerſeits mußte Herrn Bourdichon heirathen, einen ſehr achtungswerthen Mann; aber habe ich Ihnen lange zu ſagen nöthig, daß das nicht

der Mann iſt, den ſich mein Herz auserkoren haben

würde! Er iſt vierzig Jahre alt und ich jetzt ſechs⸗ undzwanzigz dieſe Altersungleichheit würde nichts ma⸗ chen, wenn unſere Charaktere etwas Uebereinſtimmen⸗ des hätten; aber Herr Bourdichon iſt ein gar zu ſinn⸗

licher Menſch, wenn er nur ſpielen, jagen, trinken,

eſſen und viel Geld gewinnen kann, um eine ſolche

Lebensart fortzuſetzen, ſo fühlt er ſich ſehr beglückt.

Er nahm eine Frau, daß ſie ſein Hausweſen führen ſolle; er iſt hinſichtlich des Gefühls durchaus nicht eiferſüchtig, aber hat ſehr viel Eigenliebe. Sehen Sie, dieß iſt der Mann, den mich meine Verwandt⸗ ſchaft heirathen ließ, ohne mich zu fragen, ohne mich

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