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„Sage das nicht, liebe Tante,“ erwiderte mein Neffe lächelnd.„Du möchteſt gar zu gerne erfahren, was ich von meiner alten Mamſell zu erzählen weiß; ich ſah dies ſchon das letzte Mal, obſchon ich ſchlechterdings keine Zeit hatte, Deinem Wunſch nachzukommen, und ich ſehe es auch jetzt aus dieſer, im Uebrigen recht gut geſpielten Gleichgüultigkeit.“
Ich war in meinem eigenen Netze gefangen; aber ich faßte mich und antwortete:
„Nein, ich bin wahrhaftig nicht im Mindeſten neu⸗ gierig darauf, denn ich kann die Schickſale und Jugend⸗ erlebniſſe Deiner alten Mamſell ſo vollkommen errathen, als hätte ich eine ausführliche Biographie von ihr geleſen.“
„Nein, nein, Tante, das kannſt Du wahrlich nicht,“ erwiederte mein Neffe lachend.„Du überſchätzeſt manchmal Dein Errathungsvermögen.“
„Aber dießmal nicht,“ antwortete ich, meiner Sache im höchſten Grad gewiß.„Sie war in früheren Zeiten Maitreſſe irgend eines vornehmen Mannes, nicht wahr?“
„Fehlgeſchoſſen!“ rief mein Neffe, mit der Freude, die man empfindet, wenn ein Anderer beſtimmt etwas zu wiſſen glaubt, was wir beſſer wiſſen, und ſeine Wiſſenſchaft ſich dann als eitel und nichtig erweist..
„Nun, dann war ſie vielleicht noch etwas Schlim⸗ meres,“ ſagte ich etwas verdrießlich.
„Etwas Schlimmeres!“ wiederholte mein Neffe.„Ja, ja, das iſt wahr,“ fügte er hinzu,„etwas Schlimmeres kann es wohl geben; aber hier iſt das noch viel weniger der Fall.“
„Nun, ſo iſt ſie wohl eine verführte, betrogene und verſtoßene Unſchuld, welche ihren verlornen Paradiesvogel beweint,“ ſagte ich ganz argerlich.
„Auch das nicht,“ meine gute, kluge Tante!“ erklärte mein Neffe mit ſeinem allerabſcheulichſten Lächeln, das ihm aber doch ſo verzweifelt gut anſtand.
„Ei, ſo will ich auch nichts von ihr wiſſen,“ verſicherte ich übellauniſch.„Ich habe mich gleich im Anfang nichts


