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ich und machte ihm in der Sophaecke Platz, von welcher ich wußte, daß ſie ſein Lieblingsſitz war. Hierauf drehte ich die Lampe von ſeinen matten, durch Nachtwachen und eifrige Arbeit übel zugerichteten, aber noch immer ſo ſchöͤnen Augen, griff nach der Klingel, zog ſie haſtig und beſtellte einen guten Thee mit Pretzeln, Zwieback und Pfefferkuchen, denn ich wußte, daß dies meinem Neffen die liebſten Thee⸗ brödchen waren.
Nachdem er ſich in der zur Unterhaltung ſo einladen⸗ den Sophaecke behaglich eingerichtet, begann mein Neffe mir ausführlich alle Umſtände des Prozeſſes zu erzählen, den er gegenwärtig für einen unſchuldig Leidenden führte. Die Sache war inzwiſchen im höchſten Grade verwickelt, und nachdem mein Neffe alles aufgeführt, was für und gegen ſeine Anſicht ſprach, wurde es mir wirklich ſchwer, ein Urtheil abzugeben, das er jetzt, wie ſchon oft in ähn⸗ lichen Fällen, von mir verlangte. Manchmal ſchien es mir— und gerade das beweist, wie ehrlich er die Wahr⸗ heit ſprach— es ſchien mir, als habe ſein Gegner das Recht auf ſeiner Seite, aber nachdem wir lange über die kitzliche Frage hin und her geredet, da wurde ich wieder derſelben Anſicht wie mein Neffe, und wünſchte aus auf⸗ richtigem Herzen ſeiner Sache den Sieg.
Mittlerweile hatte ich, wie ich bereits geſagt, meinen Zorn und überdies die ganze alte Mamſell ſammt dem größeren Theil der Taglöhnerin total vergeſſen, aber als ich und mein Neffe unſern Thee getrunken und unſere Be⸗ rathung über die mißliche Streitfrage beendet hatten, ſagte er plötzlich nach einer kurzen Pauſe:
„Ich habe Dich, glaube ich, nicht mehr geſehen, ſeit dem Nachmittag, wo die alte Mamſell beinahe in den Rinnſtein gefallen wäre, wenn ich ihr nicht geholfen hätte, und da konnte ich meine Erzählung ihrer Schickſale zwar anfangen, aber nicht zu Ende führen.“
„Oh, die ſind mir ganz gleichgültig,“ antwortete ich etwas ſchnell, und ich fühlte, daß ein Funke des früheren Aergers wieder aufflammen wollte,


