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„Es ſind wahrhaftig volle acht Tage, daß ich zum letzten Mal bei Dir war, liebe Tante,“ verſetzte mein Neffe in ſeinem gewöhnlichen freundlichen Tone,„aber ich bin auch ſonſt bei Niemand geweſen, ſondern habe wie ein Sclave gearbeitet für eine unglückliche Familie, deren ganze Eriſtenz darauf beruht, ob ich die im hoͤchſten Grade verwickelte und hart angefochtene Rechtmäßigkeit ihrer Sache an den Tag bringen kann oder nicht. Ich verſichere Dich,“ fuhr er fort,„daß ich ſelbſt in meinen Träumen nach dieſen in die Augen fallenden juridiſchen Beweiſen tappe und forſche, welche man leiſten muß, ſelbſt wenn die Sache vor unſerem moraliſchen Auge noch ſo klar und deutlich da läge. Ich kann alſo kecklich ſagen, daß ich ſchon ſechs⸗ zehn Tage lang nicht mehr durch einen freundlichen Blick von meiner guten, geliebten Tante erfreut worden bin, denn ich habe dieſe ganze Zeit über beinahe ununterbrochen ge⸗ arbeitet, und ſelbſt mein kurzer Schlaf war eine Fortſetzung dieſes wachen Zuſtandes, folglich auch ohne alle Ruhe oder belebende Kraft. Die anhaltende Arbeit und das ewige Wachen machte mich aber auch ſo verdrießlich und unluſtig, daß ich dringend das Bedürfniß nach einer kleinen, für Seele, Herz und Sinn belebenden und ermunternden Zer⸗ ſtreuung empfand, und.... deßhalb bin ich jetzt hier, liebſte Tante!“
Ich hatte während ſeiner Rede unvermerkt meine Ar⸗ beit auf den Tiſch fallen laſſen, dieſelbe ſodann gänzlich vergeſſen, die Lampe ſo gedreht, daß ihr ganzer Schein auf die edlen, anmuthigen Züge des jungen Mannes fiel, den ich mit einem gewiſſen Entzücken betrachtete, und was mehr noch!... Ich hatte meinen ganzen Zorn, die ganze alte Mamſell, die edle Taglöhnerin, meines Neffen haſtiges Verſchwinden an dem Tag, da er hutlos auf die Straße gerast, dies Alles hatte ich vergeſſen. Ich hatte es vergeſſen und verziehen, ganz wie wir Frauen das zu thun pflegen, ſchnell wie der Blitz und zuweilen eben ſo unmotivirt vor menſchlichen Augen.
„Setz Dich hier, mein guter, geliebter Junge,“ ſagte


