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„Das will ich nicht ſagen,“ erwiderte die Alte;„ich ſage blos, wie es iſt, nicht, wie es ſein könnte und ſollte.“
So waren wir denn bei einer der wichtigſten Fragen, welche Menſchen verhandeln können, angekommen, als das Mädchen mit dem Waſſer zurückkehrte und eine Unterredung abbrach, deren längere Dauer ich ſehr gewünſcht hätte. Die alte Dame begann die Schläfe des Kindes zu waſchen, und als ſie ihre dunkeln, ſchafledernen Handſchuhe auszog, bemerkte ich, daß ihre Hände, obſchon ſchwach vor Alter, gleichwohl äußerſt fein und gut geſchont waren, und daß an einem ihrer Finger ein Juwel von nicht geringem Werthe glänzte. Du weißt, Tante— fuhr mein Neffe fort— daß ich immer und in allen Dingen das Falſche vom Wahren, das Aechte vom Unächten zu unterſcheiden verſuche und mich bemühe; deßhalb habe ich mir auch die noͤthigen Kenntniſſe erworben, um über die Aechtheit von allerlei Steinen und Metallen urtheilen zu können. Es war ein Juwel, ein ausgezeichnet ſchöner Solitär. Ich heftete mein Auge ſcharf darauf, und als die Alte bei einer Bewegung mit ihrem Kopfe die Richtung meines Blickes bemerkte, drehte ſie ſchnell den Ring, ſo daß blos
noch das Gold ſichtbar blieb; aber dadurch erhielt ich erſt
volle Gewißheit, denn ich ſah jetzt, daß auch dieſes äußerſt fein war.
Das Kind war nun ſtill und ruhig; das Blut war abgewiſcht, das Mädchen hatte von der Alten eine freund⸗ lich ernſte Ermahnung empfangen und zog jetzt ſein kleines Opfer weiter. Meine Alte nahm ihren Stock, machte mir ein höfliches Abſchiedskompliment und begann ſofort lang⸗
ſam nach derſelben Richtung zu wandeln, die ich ſchon
mehrere Abende bei ihr beobachtet, wenn ſie ihrer Ge⸗ wohnheit gemäß auf dem Markte Karls XlIII. friſche Sommerluft geſchöpft hatte, nämlich nach der Nordland⸗ ſtraße zu. Im Gehen riß ſie da und dort einige grüne Ahornblätter von den tief herunterhängenden Zweigen ab. Ich folgte ihr unwillkürlich in einiger Entfernung. Sie


