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zerreißender Stimme, und ſprang alsbald ohne Hut, ohne Ueberrock, ja ſogar ohne die Glacéhandſchuhe, welche an die Hände unſerer heutigen Herrlein feſtgeklebt ſcheinen, vom Fenſter hinweg auf die Thüre zu, von da die Treppe hinab und auf die Straße hinaus.
Auch ich ſprang auf, aber ach! wie unedel war mein Motiv im Vergleich mit dem meines Neffen! Er dachte an das Leiden eines Mitmenſchen, und ich... an das theure Birkenholz und an die Thüre nach der kalten Hausflur, die mein Neffe in ſeiner haſtigen Flucht ſperr⸗ weit offen gelaſſen hatte. Aber als ich ſie wohl verſchloſſen, da lockte mich die Neugierde von Neuem ans Fenſter, und ich ſah nun, daß das alte Frauenzimmer wieder auf die Beine gekommen war, daß mein Neffe ihr artig den Arm bot und ſie über as Eis führte, daß er ſie noch weiter begleiten zu wollen ſchien, daß ſie aber mit einer gewiſſen Hoͤflichkeit und Manierlichkeit, die gegen ihre dürftige Kleidung ſehr abſtach, auf ſeinen unbedeckten Kopf zeigte und ihn offenbar erſuchte, von ſeinem freundlichen Vorhaben abzuſtehen. Sie ſagten einander Lebewohl; mein Neffe ſchuttelte dem alten Frauenzimmer herzlich die Hand, und nach einer Minute ſtand er wieder an meiner Seite; diesmal hatte er jedoch die Thüre wohl verſchloſſen, denn ohne Zweifel dachte er ſelbſt jetzt an mein Birkenholz.
„Die arme Perſon, ſie wird ſich doch nicht verletzt haben?“ war meine erſte Frage, als ich jetzt Zeit hatte mitleidig zu ſein.
„Nein, Gott ſei Dank, nicht!“ antwortete mein Neffe etwas athemlos nach dem heftigen Sprunge.
„Wer war das ſchlechtgekleidete alte Frauenzimmer? Du ſchienſt ſie zu kennen 2“ war meine andere Frage, denn zur Neugierde hat man faſt immer Zeit.
„Es iſt eine alte Jungfer, welche Du doch nicht kennſt, Tante, und von der Du auch nie gehört haben wirſt,“ antwortete mein Neffe.
„Nun, wie heißt ſie denn?“ fragte ich ganz und gar nicht befriedigt.


