Teil eines Werkes 
1.-3. Bdchn (1847)
Entstehung
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als ich gerade mein einfaches Mittagsmahl einnehmen wollte, und in meiner Freude über dieſen unerwarteten Beſuch vergaß ich, daß er ſich vielleicht an einem Gericht Fiſche, einer leichten Weinſuppe und etwas Backwerk mit eingemachten Beeren nicht ſatt eſſen köͤnne, ſondern hieß den Bedienten noch ein Couvert bringen und bat meinen Neffen, an dem kleinen Tiſche Platz zu nehmen. Wir unterhielten uns dabei ſehr angenehm. Wir verlegten uns beide auf Madame Scarrons berühmten Braten, das heißt auf Anekdoten und Erzählungen, er aus der bunten. Gegenwart, ich aus der blaſſen Vergangenbeit, und ein Glas guter alter Madeira mußte bei dieſer Mahlzeit ſtatt alles Fleiſches herhalten. Mein Neffe bewies dabei, welch einen untergeordneten Werth das Fleiſch habe, denn es krieche in den Magen hinab, während der gute Wein, mäßig genoſſen, immer wieder in den Kopf hinauf ſteige, um daſelbſt belebend und ordnend zu wirken. Dies, be⸗ hauptete ich, ſei der ausſchließliche Vorzug des herrlichen Kaffee's. Es entſtand ein kleiner Disput. Ich wollte meinen Satz beweiſen und erſuchte daher Lotte, einen ſtarken Mokka zu brauen; meinen Neffen aber bat ich, ſich nicht wegzubegeben, bevor er davon genoſſen habe. Während wir darauf warteten, ſaßen wir beide an einem Fenſter, das auf die Straße hinausging, und aus unſerer lebhaften Unterhaltung hätten die Leute gegenüber nicht urtheilen können, daß dies ein junger Neffe ſei, der mit ſeiner ziemlich betagten Tante ſpreche. Wir ſahen nur ſelten auf die Straße hinaus, aber zufällig fielen meine Blicke auf dieſelbe, als gerade ein armes, ſchlechtgekleidetes, altes Frauenzimmer auf dem gefährlichen Eiſe ausglitt, welches, Dank der Straßenpolizei, immer vor meinen Fenſtern liegt.

Ach mein Gott! da liegt ſie! rief ich und hielt beide Hände vor die Augen, wie wir einfältigen Weibs⸗ bilder oft thun, wenn wir zu faul ſind, um zu helfen, und zu empfindſam, um einen Unglücksfall mit anzuſehen.

Ach ſie iſt's! rief mein Neffe mit heftiger, herz⸗