Teil eines Werkes 
[2. Theil] (1851)
Einzelbild herunterladen

241

4 geweſen, neigte nicht zur ſtädtiſchen Ueberfeinerung, und

. ſelbſt Bauernſohn fand er ſich in das ſchlichte aber reichliche Leben beim Schöffen leicht und gern hinein. Den Knaben gab er Latein und ſonſtige Gymnaſial⸗ fächer, brachte ſie auch ſo weit, daß die meiſten beim ſpäteren Eintritt in öffentliche Schulen ein paar Klaſſen

überſprangen. Die Mädchen aber unterrichtete er mit den Knaben zuſammen im Deutſchen, in Erdbeſchreibung, Vaterlands⸗ und Völkerkunde und in Geſchichte. Vom nächſten Quellchen und Mühlbach, von den überall ſicht⸗ baren Nachbarhöfen beginnend führte er die Einbildungs⸗ kraft und die Begriffe ſeiner kleinen Schüler in das Ahrthal, an den Rhein, an die See, und ſo weiter in allen Ländern und Herrlichkeiten umher; dann erſt begann er die Geſchicke der Menſchen auf unſerm Balle zu berichten. Er war eine der herrlichen Naturen, bei denen jedes Wiſſen augenblicks ins Praktiſche, j 8 Ferne ins Nächſte übergeht, und der ſtürmiſche Rh heitsmuth, mit dem er die Gegenwart umgeſtalten wollte, gab ſeinen Erzählungen aus der Geſchichte eine Gluth, * die als zündende Menſchen⸗ und Vaterlandsliebe in die jungen Herzen ſchlug. Alles Fremdländiſche, alles Charakterloſe, alle Verirrungen der modernen Kultur

hielt er von ihnen fern, ſchon weil ihm ſelbſt das alles fern lag. Mit leuchtendem Auge hing ſelbſt der alte

Schöffe in dieſen Unterrichtsſtunden an dem Munde

des männlichen Jünglings, mit noch leuchtenderem die kleine Margret.

Kinkel, Erzählungen. 11 16