Teil eines Werkes 
1.-3. Bdchen (1846)
Entstehung
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keimenden Knospen gekleidet, welches noch nicht durch die drückende Sommerhitze gelitten hat; ähnlich einem ſchönen Mädchen, das eben erſt zur Jungfrau gereift, mit einem Kranze von Friſche und Reinheit umgeben iſt, ehe die verſengende, verbrennende Atmoſphäre der grauſamen Welt Zeit hat, die eine zu verdunkeln oder die andere zu beflecken.

Jvan hatte einige Tage im Zigeunerlager zuge⸗ bracht, mit nur geringen Fortſchritten in ſeiner Beſſe⸗ rung, jeder Tag trug jedoch dazu bei, ihn wieder mehr zu Kräften zu bringen. Endlich erklärte er ſich hinrei⸗ chend erſtarkt, um den gefährlicheren, ſchwierigeren Theil

ſeiner Reiſe zu Fuß zu machen; ſo begierig wünſchte er

den Ort ſeiner Beſtimmung zu erreichen und den Schwur, den er am Todtenbett ſeiner Mutter gethan hatte, zu erfüllen.

Azila hatte ihn beſtändig gepflegt, durch ihre Un⸗ terhaltung aufgeheitert, und alle ihre Aufmerkſamkeit auf ihn gerichtet; ſeine Gedanken waren jedoch ſo ſehr mit den Begebenheiten, welche ſich zugetragen hatten und noch mehr mit denen, welche noch in Ausſicht ſtanden beſchäftigt, daß kein anderes Gefühl Eingang in ſein Herz fand. Das liebliche Geſchöpf ſaß Tag für Tag an ſeiner Seite, überwachte ängſtlich jeden ſeiner Blicke, lauſchte begierig auf jedes Wort, das er murmelte, und doch liebte er nicht. Er fühlte aufrichtige Dankbarkeit für ſie als die Retterin ſeines Lebens, er hätte gerne wieder ſein eigenes gewagt, um ihr beizuſtehen; aber kein anderes Gefühl regte ſich in ſeiner Bruſt. Und

ſie, die ſich ſo ſtolz, ſo gleichgültig gegen den Grafen

Erintoff gezeigt hatte, konnte ſie ihre Liebe Einem ſchen⸗ ken, von dem ſie kaum Erwiederung hoffen konnte. Die Herzen der Frauen ſind eigen, unbegreiflich und uner⸗ forſchlich, und wir wagen nicht auszuſprechen, durch

was für einen beſonderen Einfluß das von Azila gelei⸗

tet wurde.

Jvan war der alten Hagar viel Dank ſchuldig, daß