246 ſchlummernden Pfyche den Muſſelinvorhang ſo⸗
gleich wieder fallen ließ, werfe den erſten Stein
auf ihn!—
Doch bald warf der Genius reiner Liebe den Augen des Liebenden ihren frevelnden Raub vor; der Bettvorhang zitterte in ſeiner Hand. Nur noch einen Kuß wollte ſein Blick der Heißgeliebten zuwerfen— aber, faſt verließ den liebenden Dich⸗ ter auf einen Moment ſeine Denkkraft; er ent⸗ deckte unterhalb der ſanft ſteigenden Bruſt, zu⸗ naͤchſt einer Bluthe, welche die Liebe kennt, aber nicht nennt, zwey feine, ſehr zart gezeichnete, ſich kreuzende Striche. Mit erhoͤhter Beſtuͤrzung — denn Edwards Erzaͤhlung von dem Zeichen des Kreuzes kam ihm augenblicklich ins Gedaͤchtniß— verließ er die geliebte Heilige, und trat, mit vorvar nopfendem Herzelt, ſich ſeiner ſelbſt kaum bewußt, ans Fenſter des Wohnzimmers.
Die jetzt zuruͤckkehrende Wittwe fand ihn ſo, und konnte ſich ſein Benehmen, das faſt dem eines Traͤumenden glich, nicht erklaͤren. Sie hielt es fuͤr den Ausbruch der tiefſten Verzweiflung. „Verſuͤndigen ſie ſich nicht an Gottes Vorſehung“ — ſagte ſie fromm—„noch hat ja der Arzt gute Hoffnung. Wir ſtehen alle in der Hand der All⸗ macht, aber Jugend, und eine, durch keinen Fehltritt geſchwaͤchte Kraft kann gar vieles uͤber⸗ ſtehen.“ 9. 4
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