Druckschrift 
Der Landpfarrer : eine Schrift für das deutsche Volk / von Julius Kell
Entstehung
Einzelbild herunterladen

131

geebnet! Hat doch Deine und der Kinder Liebe mich oft in truͤ⸗ ben Stunden aufgerichtet, und mir Kraft gegeben, Alles zu er⸗ tragen, Kraft, um bei eigenem Kummer doch nicht zu erkalten in der Liebe zu der mir anvertrauten Heerde! Mutter, ein Gatte und Vater, der ſelbſt die Seligkeit hauͤslichen Gluͤckes kennt, iſt gewiß auch ein warmer Prediger der Einigkeit bei entzweiten Gatten, Geſchwiſtern und Verwandten, ein eifriger Apoſtel der Naͤchſtenliebe, die da iſt des Geſetzes Erfuͤllung.

Fuͤnfundzwanzig Jahre! Gott wie viele frohe Stun⸗ den, wurden mir in meinem heiligen Amte, ſo wie im Hauſe durch Dich und in Dir, gute Herzensfrau zu Theil, und er ſchloß die Gattin in ſeine Arme, und ging dann hinuͤber in die Kirche.

Der ganze Kirchhof ſtand voll Menſchen als jetzt die Glocken erklangen, und der Pfarrer aus dem Pfarrhauſe her⸗ austrat. Alle hatten auf den Pfarrer gewartet, und als ſich jetzt Aller Blicke theilnehmend auf den Seelenhirten richteten, der im langen ſchwarzen Amtsrocke, einfach und anſpruchslos, wuͤr⸗ dig und feierlich durch die Reihen wanderte, als die ernſten Maͤnner in den langen Kirchenroͤcken mit großen Knoͤpfen ihre Hauͤpter entbloͤßten; und die Frauen, geſchmuͤckt mit bunten

Baͤndern und den Blumenſtraußern auf dem mit Goldſchnitt

gezierten Geſangbuche, freundlich nickten und dem herzlich Gruͤ⸗ ßenden ſo herzlich gedankt wurde; da ſah man, daß ein Freund, ein Vater in die Mitte ſeiner geiſtlichen Kinder getre⸗ ten war.

Die Hausfrau aber war an der kleinen Hinterthuͤr des Pfarrhauſes ſtehen geblieben, und ſchaute dem Gatten mit glaͤn⸗ zenden Augen nach. Sie gedachte heute wieder mit Ruͤhrung des ſchoͤnen Tages, wo ſie als Braut ihren jetzigen Gatten als jugendlichen Geiſtlichen zuerſt im heiligen Prieſteramte geſehen hatte, und wie er damals zur Kirche gewandert, und wie ſie damals ihm nachgeſehen hatte, wie ſie ſich damals von heiliger Freude gehoben fuͤhlte, als ſie den Geliebten ihres Herzens von jener himmliſchen Liebe predigen hoͤrte, die die irdiſche Liebe verklaͤrt und die Herzen recht feſt an einander bindet! Wie waren damals ihre Augen feucht geworden in heiliger Andacht, als ſeine Hand zitternd, zum erſten Male nach der Weihe zum Prieſteramte, in Brod und Wein den Heiland andaͤchtigen, liebenden Chriſten am Altare reichte? Heute, nach fuͤnfund⸗

9*