Druckschrift 
Der Landpfarrer : eine Schrift für das deutsche Volk / von Julius Kell
Entstehung
Einzelbild herunterladen

126

Da wars ihm, als wenn die Kirchthuͤrenploͤtzlich mit lautem Gerauͤſché aufſpraͤngen. Wunderbarer, blendender Glanz ergoß ſich durch die dunkeln Hallen der Kirche und durch die geoͤffnete Pforte ſtroͤmte eine Menge leuchtender, geiſterhafter Weſen herein, welche nicht dieſer Erde anzugehoͤren ſchienen. Es mußten wohl himmliſche Geſtalten ſein, dieſe Kinder, Maͤnner, Frauen und Greiſe, welche in ungeduldiger Haſt vom Kirchhoſe herein ſchweb⸗ ten, und ſich um den Paſtor draͤngten. Bekannt ſchienen ihm die Geſichter, und doch wieder fremd; er mußte ſie wohl lange nicht geſehn haben; aber ploͤtzlich ſiel ihm ein, daß ja die wohlbe⸗ kannten Perſonen, welche er vor ſich zu ſehen meinte, laͤngſt ſchon geſtorben waren; denn auch ſeines prieſterlichen Vaters verklaͤrte Geſtalt, und die ſelige unvergeßliche Mutter war unter ihnen und die geſtorbenen Kindlein, in Engel verwandelt, fehlten nicht. Die Graͤber ſchienen ſich aufzuthun, im Traume glaubte er aus den Saͤrgen immer mehr und mehrere der entſchlafenen Gemeindeglieder, von verklaͤrten Leibern umgeben, herauf ſteigen und in die Kirche hereinwandern zu ſehen.

Bald war die Kirche voll; und jetzt trat der alte Pfarrer im geiſtlichen Amtskleide an den Altar, und ſprach den Segen uͤber die Gemeinde. Und, als er geendet und mit leuchtender Hand mit dem Kreuzeszeichen, wie ehedem, die Gemeinde entlaſſen hatte, ſiehe da draͤngte ſich Alt und Jung an den ehrwuͤrdigen Greis heran, umfaßte ſeine Kniee, und druͤckte ſeine Haͤnde und hundert Stimmen riefen durcheinander:Vater, Vater, Lehrer, Berather, Troͤſter, Retter Habe Dank!

Du haſt uns den Weg zum Leben gehen lehren, er⸗ klangs abermals im ChorDein Wort war meiner Unſchuld rettender Engel, rief ein Maͤdchen, das ſich laut weinend zu ſei⸗ nen Fuͤßen warf,ohne dich waͤre ich gefallen,Du haſt mein Gewiſſen erſchuͤttert, rief eine ernſte, maͤnnliche Geſtalt, die des Paſtors Hand ergriffen hatte;ich kehrte um auf dem Wege des Betrugs und ward ein rechtlicher Mannz ohne Dich vielleicht ein Rauͤber und Moͤrder.Mich haſt Du getroͤ⸗ ſet im Sterbeſtuͤndlein, rief eine zitternde Stimme;Mich haſt Du Chriſto zugefuͤhrt beim Abendmahl, bekannte eine andre;Dein Wort am Traualtar hat mich geſchuͤtzt vor Entweihung des ehelichen Bundes; und aus der Menge drangen immer wieder von neuem dankende Stimmen zu des grei⸗ ſen Paſtors Ohren, die ſich endlich alle zu dem Rufe vereinigten: