125
frei, auch nur von groben Fehltritten? Und hatte er nicht ſelbſt in der letzten Zeit die betruͤbendſten Erfahrungen wenigſtens an Einzelnen gemacht? Er fuͤhlte ſich verſtimmt, betruͤbt; die hereinbrechende Nacht, die ſo hauͤfig dem koͤrperlich Ermatte⸗ ten das Leben von einer truͤben Seite ſehen laͤßt, die Finſter⸗ niß, die, weil ſie das auͤßre Leben verhuͤllt, nicht ſelten auch uͤber das innere Leben einen Trauerflor wirft, vergroͤßerte noch die Muthloſigkeit, mit welcher ihn die augenſcheinlich nur ſelten ſichtbaren Erfolge geiſtlichen Wirkens, und ſomit die ſchein⸗ bare Fruchtloſigkeit deſſelben, erfuͤllte. Er ſah hinauf zu den Bildern der alten Geiſtlichen, ſeiner Vorfahrem im Amte, und erblickte unter ihnen auch des ſeligen Vaters treues, frommes Antlitz.„Was habt Ihr denn gewirkt,“ rief er laut,„zeigt mir die Frucht Eurer Thaͤtigkeit!“ Sie ſchwiegen;— aber ihm war's, als wenn ſie die Hauͤpter traurig ſenkten und ſagen wollten:„Freund, auch unſer Predigen, unſer Eifern war ver⸗ gebens, die Menſchen ſind was ſie waren, und werden ſo bleiben.“
Der Paſtor ſeufzte tief auf; ſo peinigend war ihm noch nie der Zweifel an des Predigtamts Segen vor die Seele ge⸗ treten.„Ich habe des Herrn Wort gepredigt, ich habe ſeine Geheimniſſe verwaltet, ich habe des Evangeliums troſtreiches Licht in die Huͤtten der Armen, wie in die Wohnungen der Reichen getragen, ich habe Chriſti Hoffnung an den Kranken⸗ betten und den Graͤbern der Entſchlafenen verkuͤndet; aber wo iſt nun die Ernte der Saat, die ich geſtreut?— Ach, mit welch glaͤnzenden Hoffnungen, mit welcher Zuverſicht trat ich hier in mein heiliges Amt! Wie wollte ich allen Unglauben daͤmpfen, alle Suͤnde ausrotten;— o, ich ſah im Geiſte meine Gemeinde ſchon verklaͤrt in Chriſti, des unſichtbaren Hauptes Bild, un⸗ ſtraflich, heilig, ohne Flecken! Es waren ſchoͤne Trauͤme! Es iſt manches anders, beſſer geworden, aber ich weiß ja nicht einmal, obs durch meine Kraft geſchah. Wie viel dagegen iſt noch zu thun! Wie“— und ein kalter Schauder ergriff ihn—„wie wenn ich nun vergebens gehofft, geſtrebt, gekaͤmpft und geredet haͤtte!“— Der Pfarrer ſchwieg; es ſchien ihm unmoͤglich, uͤber dieſen Gedanken hinweg zu kommen, und er rang vergeblich nach entſchiedener Klarheit. Immer dunkler wards in ihm und um ihn; truͤbſinnig, faſt gedankenlos, verhuͤllte er das Geſicht mit beiden Haͤnden, und ſchlummerte ein.—


