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Der Landpfarrer : eine Schrift für das deutsche Volk / von Julius Kell
Entstehung
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Der Paſtor war aufgeſtanden und ging langſam ſinnend zur Kirche hin. Noch toͤnten die Glocken, noch war die Kirch⸗ thuͤr geoͤffnet; es zog ihn hinein in die ſtillen Rauͤme, wo ſo oft das bewegte Herz Troſt und Hoffnung gegeben und ſelbſt gefunden hatte.

Die Abenddaͤmmerung hatte ſchon das Schiff der Kirche in ein heiliges Halbdunkel gehuͤllt, aus welchem aber noch deut⸗ lich die hohen Geſtalten der alten ehrwuͤrdigen Paſtoren in Peruͤcken, oder mit großen Baͤrten hervortraten, deren Bilder in Lebensgroͤße an den Waͤnden hingen. Nur durch die Bogen⸗ fenſter am Altarplatze gluͤhte noch das Abendroth, und die ſchei⸗ dende Sonne warf ihre letzten Strahlen auf das goldene Kru⸗ zifir, und auf die geſchnitzten Heiligenbilder, welche noch aus der katholiſchen Zeit her den Hintergrund des Altars ſchmuͤckten. Die guten Heiligen mit den hohen goldenen Biſchofsmuͤtzen und den krummen Hirtenſtaͤben, und die jungfrauͤliche, liebliche Mutter Maria, das Jeſuskindlein auf dem Arme, mit dem von Frauen⸗ anmuth und Frauenwuͤrde ſtrahlendem Haupte, ſchienen recht menſchlich fromm in dem Kirchlein ſich umzublicken; Luthers und Melanchthons ernſte Geſichter aber, die von den Empor⸗ kirchen in Oel gemalt herunter ſchauten, ſahen freundlich hin⸗ uͤber auf die Heiligen am Altar, zu deren Bildern nicht mehr Weihrauchduͤfte und Gebete emporſtiegen, die wieder Men⸗ ſchen geworden waren, und es war, als ob ſich Alle zuſammen zum Preiſe des einen Herrn und Heilands Jeſu Chriſti vereini⸗ gen wollten, vor dem ja katholiſche wie evangeliſche Chriſten ihre Kniee beugen.

Es war ſo heimlich, ſo freundlich im Gotteshauſe, wie im lieben Vaterhauſe, einſam, ſtill und doch ſo reich belebt! Und an den dicken Mauern, die ſich in einem ſchwerfaͤlligen duͤ⸗ ſtern Kreuzgewoͤlbe vereinten, ſchlief ja draußen die todte Ge⸗ meinde, uͤber die des Wandrers Fuß ſo eben geſchritten. Hun⸗ derte, die einſt des Lebens ſich gefreut, Hunderte, die einſt hier im Tempel mit hellen Zungen dem Herrn und ihrem Erloͤſer laute Loblieder geſungen, ſie ruhten draußen rings um die Grundmauern des kleinen Tempels, tief gebettet und ſtumm. Kinder, die unſer Paſtor hier getauft, Brauͤte, die er hier ge⸗ traut, Maͤnner und Frauen, die hier dem Worte des Lebens aus ſeinem Munde gelauſcht, hier das heilige Sakrament aus ſeiner Hand empfangen, mit ſeinem Segenswunſche in die