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Der Landpfarrer : eine Schrift für das deutsche Volk / von Julius Kell
Entstehung
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geben koͤnnen? Soll ich, ich allein unter allen Beamten des Staates, Jahre lang, ohne freundlich mahnen zu duͤrfen, auf den Lohn meiner Arbeit warten? Der Geiſtliche iſt und bleibt doch auch als Geiſtlicher ein Menſch. Sollte ihm allein das Streben nach dem Lohne ſeiner Arbeit, und nach einem damit herzuſtellendem auͤßerlich ſorgloſen, behaglichen Zuſtande, nach erlaubtem edlem Lebensgenuſſe nicht erlaubt ſein? Oder iſt etwa darum, weil ein Geiſtlicher die reinſten, hoͤchſten geiſtigen Freu⸗ den in ſeinem Amte findet, ihm uͤberhaupt und nur ihm irdi⸗ ſcher Genuß, und Streben nach irdiſchem Wohlbefinden Suͤnde? Gewiß nicht; und wenn ich als Geiſtlicher es fuͤr Thorheit halte, in meinen Predigten wider die menſchliche Natur zu ſtrei⸗ ten, ſo lange ihre Forderungen Gottes Geboten nicht zuwider laufen, ſo wenig ich vor einer chriſtlichen Gemeinde zu Nichts fuͤhrende Strafpredigten gegen unſchuldige irdiſche Ge⸗ nuͤſſe halten mag, eben ſo wenig halte ich das Streben nach irdiſchen Gluͤcksguͤtern, dem alle Menſchen, Kranke und Ueberſpannte ausgenommen offen oder heimlich huldigen, an dem Geiſtlichen fuͤr unerlaubt und verwerflich. Zwar wird der Geiſtliche, mehr noch als jeder andre Chriſt, die irdiſchen Ver⸗ haͤltniſſe beherrſchen muͤſſen, ohne doch als Menſch uͤber die⸗ ſelben erhaben ſein zu koͤnnen. Gott weiß es, daß irdiſcher Genuß mir weder einziges noch unerlaͤßliches Beduͤrfniß war; ich bedarf mehr zu meinem Gluͤcke als Befriedigung der irdi⸗ ſchen Haͤlfte meines Seins; ich bedarf des Herzensfriedens, der mir das Bewußtſein, in meinem Amte treu und warm fuͤr Gottes Reich gewirkt zu haben, giebt. Aber das wird hauͤfig uͤberſehen! Ich habe ſo lange hier gewirkt, und doch kennt man mich noch nicht beſſer? Doch haben geſunde, chriſtliche Lebens⸗ anſichten noch ſo wenigen Eingang in meine Gemeinde gefun⸗ den? Fuͤnf und zwanzig Jahre habe ich nun hier gelehrt, kuͤnftigen Sonntag iſt die Zeit um, ach, daß ich mehr Erfolge meiner geiſtlichen Wirkſamkeit ſaͤhe!

Der Paſtor war ſehr verſtimmt und entmuthigt ſowohl durch die traurigen Erfahrungen, welche vornehmlich in den letzten Jahren ſeiner amtlichen Thaͤtigkeit ſich zuſammengedraͤngt hatten, als durch das koͤrperliche Unwohlſein, das in Folge deſſen eingetreten war. Giebt es doch Tage und Stunden im menſchlichen Leben, in welchem uns Alles traurig und duͤſter erſcheint, in welchen die Unvollkommenheiten alles menſchlichen Wirkens, von welchen