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Der Landpfarrer : eine Schrift für das deutsche Volk / von Julius Kell
Entstehung
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Die Frau kannte ihren Mann und wagte nicht, ihn zu ſtoͤren. Bebend an allen Gliedern holte ſie die Kinder, und ließ ſie, wie ſie's gewohnt waren, vor ihre Bettchen nieder⸗ knieen, und ihre Gebetlein zu dem himmliſchen Vater ſprechen, waͤhrend der Mutter die Thraͤnen uͤber die Backen liefen.

Als aber jetzt das Kleinſte ſein unſicheres Stimmchen erhob, und mit ruͤhrender Einfalt betete:

Du lieber Gott, ich bitte dich, Ein gutes Kind laß werden mich;

Wenn ich's aber nicht ſollt' werden, So nimm mich lieber von der Erden.“—

Da ſchluchzte der ſtarke Mann laut auf, ſtand ploͤtzlich auf, fiel ſeiner erſtaunten Frau um den Hals und ſagte mit gepreßter Stimme:

„Lene, ich habe Dich ungluͤcklich gemacht, vergieb mir,“— worauf er zur Thuͤre hinauseilte.

Die Kinder, die den Vater ſo noch nie geſehen hatten, fuhren furchtſam in ihre Bettchen und weinten, weil ſie die Mutter weinen ſahen, bis der Schlaf ihre rothen Auͤglein ſchloß. Aber die arme Mutter konnte nicht ſchlafen; all ihr hauslicher Jammer brach mit Allgewalt auf ſie ein, peinigende Gedanken, die immer groͤßer und ſchrecklicher wurden, fullten ihre ganze Seele, bis das unruhige Herz endlich in Gott ſeine Ruhe fand, dem ſie im herzlichen Gebete alle ihre Sorgen an⸗ befahl. Und wie das Kind an der Mutterbruſt, an welcher es ſeinen Kummer ausgeweint hat, ruhig entſchlummert, ſo ſank auch das Haupt der bekuͤmmerten Frau an des Hei⸗ lands Bruſt, mit dem andaͤchtigen Gebete:„Herr, ſtaͤrke mich, Dein Leiden zu bedenken,“— und ein erquickender Schlummer ſchloß die muͤden Augenlieder.—

Die Arme bedurfte der Staͤrke; denn als man am andern Morgen den Hausherrn wecken wollte, fand man nur eine blutige, entſtellte Leiche; der Ungluͤckliche hatte ſich mit dem Barbiermeſſer die Kehle durchſchnitten! Die muthmaßlichen Urſachen, die ihn zu der ſchrecklichen That getrieben, kamen bald zum Vorſchein; nicht blos, daß ſeine Vermoͤgensumſtaͤnde ganz zerruͤttet waren, ſo fehlte auch ein bedeutendes Gemeinde⸗ capital, das vor einiger Zeit beim Gemeindevorſtande nieder⸗ gelegt worden war; er hatte es, hingeriſſen von ſeiner Leiden⸗ ſchaft, im Spiele verloren! Dieß, die oͤffentliche Schande—