Druckschrift 
Der Landpfarrer : eine Schrift für das deutsche Volk / von Julius Kell
Entstehung
Einzelbild herunterladen

42

aber dann, weil er ſein Unrecht vermuthlich eingeſehen, hatte er es durch doppelte Zaͤrtlichkeit wieder gut zu machen geſucht.— Seit einigen Tagen nur war er wieder ſtill und in ſich gekehrt; denn im ganzen Dorfe war von Nichts die Rede, als von der großen Kindtaufe, die Chriſtian Brenz, der Schwanwirth,— er hatte durch ſeine Frau einen Gaſthof bekommen,— geben wollte. Man zaͤhlte die geſchlachteten Schweine, Kaͤlber und Huͤhner, und die gebacknen Kuchen, und die Eimer Bier und Wein, die getrunken werden ſollten, und ſprach von den ſechs Gevattern, und da man uͤberall von den Reichthuͤmern und dem

Gluͤcke des Schwanwirths Brenz hoͤrte, ſo war Johann ver⸗

ſtimmt zu Hauſe geblieben. Aber dem Kinde, das nicht von

ſeiner Seite wich, ließ er Nichts wieder entgelten; man ſah's,

er gab ſich Muͤhe, noch freundlicher und herzlicher zu ſein.

„Armes Kindel, kannſt ja nichts davor, daß Dein Vater nichts

taugt,“ ſagte er mehrere Male ſtill vor ſich hin, waͤhrend er ſich

niederbeugte und die Kleine kuͤßte.

Das große Kindtauffeſt war herbeigekommen, und auch der Pfarrer war dabei. Der alte Georg, der Vater Brenz, und der Bruder, der Gemeindevorſtand Auguſt Brenz, befanden ſich als Gevattern unter den zahlreichen Gaͤſten, welche an den wohlbeſetzten Tiſchen herumſaßen. Allein trotz der großen An⸗ ſtalten herrſchte keine rechte harmloſe Froͤhlichkeit unter den ver⸗ ſammelten Gaͤſten. Die junge Mutter hatte die Gluͤckwuͤnſche ſehr kalt und mißlaunig hingenommen; es mußte ein bedeuten⸗ der Streit zwiſchen den Eheleuten vorgefallen ſein; und die augenſcheinliche Verſtimmung der Wirthe hatte auf die feiner fuͤhlenden Gaͤſte, die nicht blos gekommen waren, um zu eſſen und zu trinken, einen ſehr unangenehmen Eindruck gemacht. Der Kindtaufvater ſelbſt hatte, vermuthlich um den Aerger zu ver⸗ geſſen, zu viel getrunken, und das trug nicht dazu bei, die Hei⸗ terkeit zu vermehren.

Der Pfarrer ſaß mit dem alten Georg in einem Winkel⸗ chen. Der ſonſt nicht wortkarge Mann war heute ziemlich ein⸗ ſilbig; aber die großen Rauchwolken, die er von ſich blies, waren nur Außerungen heftiger innerlicher Erregung. Auch ihm ſchien die immermehr zunehmende Trunkenheit des Kind⸗ taufvaters peinlich zu werden.

„Es iſt doch recht ſchade um den huͤbſchen ordentlichen