fen war zu ewiger Ruhe, trat vor ihre Seele, und ſie ſchau⸗ derte! Eine ungeheure Bangigkeit ſchnuͤrte ihr Herz zuſammen, — ſie dachte an Gott, und an die Rechenſchaft droben. Sie ſah im Geiſte der Mutter ſtrafenden Blick, und es war ihr, als rief ihr die Verklaͤrte zu:„Wars nicht an Einer Suͤnde ge⸗ nug? Denkſt Du die Suͤnde dadurch gut zu machen, daß Du in Suͤnden aus dem Leben gehſt?“— Von der Wahrheit ſol⸗ chen Gedanken getroffen, durch welche Gottes Geiſt ſie rief, wankte die Ungluͤckliche hin an den Steintiſch am Fenſter; in dem dunkeln Schatten der Linde wollte ſie ihre Schande, ihren Jammer verbergen. Sie bemerkte nicht, daß auf der andern Seite des Baumes der Pfarrer mit ſeiner Frau ſich niederge⸗ laſſen hatten, welche, von einem Sonntagsſpatziergange heim⸗ kehrend, durch die in der Stube drinnen getroffenen Anſtalten zur Abendandacht veranlaßt worden waren, ſtille und unbe⸗ obachtet Zuhoͤrer derſelben zu ſein.
Als nun jetzt das alte bekannte Lied erſchallte, das auch der Pfarrer gar oft als Kind im geiſtlichen Vaterhauſe mit den Seinen geſungen hatte, die nun nach ſo mancher Erdenpein laͤngſt ſchon hinuͤbergewallt waren in die ewigen Huͤtten, ſo ward auch der Paſtor von dem Geſange gar eigen bewegt.
„Wird mirs doch ganz eigen ums Herz,“ ſagte der Paſtor leiſe zu ſeiner Gattin, als das Lied geendet war, und eine kleine Pauſe drinnen eintrat,„ſo oft ich die bekannten Klaͤnge aus der ſchoͤnen Jugendzeit wieder hoͤre. Iſt mir's doch, als waͤre ich wieder Kind im Vaterhauſe, und als ſaͤhe ich wieder meinen Vater, den ehrwuͤrdigen Prieſtergreis, vor mir, wenn er Abends das Lied mit kraͤftiger Stimme begleitete,— als ſchaute ich wieder mit ſcheuer Ehrfurcht und kindlicher Liebe zu dem edlen Greiſe auf, der mir in ſeiner prieſterlichen Wuͤrde immer ſo ehr⸗ wuͤrdig erſchien. Nun, ſelbſt Vater und Prieſter, ſtehen mir doch jene Eindruͤcke, die die kindliche Seele damals empfing, ſo leb⸗ haft vor den Augen, und ich fuͤhle wieder ſo lebhaft, was ich damals empfand, als waͤre ich wieder jenes unbefangene Kind!“—
„Mir fehlen dergleichen Erinnerungen— wenigſtens reli⸗ gioͤſer Art“— ſagte die Mutter traurig.— Sie war die Toch⸗ ter eines zwar ſtreng rechtlichen, aber die auͤßere Religioſitaͤt ver⸗ nachlaͤſſigenden Rechtsgelehrten.—„Du haſt meinen Vater gekannt!“—


