gebrannt, wirklich voll vom Geiſte Gottes;— wie hatte ſie ſich gelobt, ſtark zu bleiben in den Verſuchungen des Lebens, dem Herrn ganz anzugehoͤren, und nur die Freuden zu genießen, die man mit Ihm genießen koͤnne! Wie hatte ſie dieſen Schwur gehalten? Ach, mit welchen Wonnegefuͤhlen hatten ihre Aeltern ſie damals in die Arme geſchloſſen! Bleibe fromm und halte Dich
recht, denn Solchen wird es zuletzt wohl gehen, hatte der Va⸗
ter ihr in die Bibel geſchrieben, die er ihr damals ſchenkte;— dort lag das heilige Buch, ſeit Monaten nicht beruͤhrt, beſtauͤbt in der Ecke, und ſtatt Freude und Ehre ſollte der Vater nur Schande an ihr erleben? Die Thraͤnen ſtuͤrzten ihr aus den Augen.„Er wird mich verſtoßen,“ jammerte ſie,„ich darf ihm nicht unter die Augen kommen. Siiſt beſſer weg mit mir, daß er mich nicht mehr ſieht, und er ſeine Eliſabeth vergißt—“ Weinend, an allen Gliedern zitternd, eilte ſie ſo die Treppe
hinab; mit bebender, unſichrer Hand,— immer fuͤrchtend, ver⸗ rathen zu werden, oͤffnete ſie die Hausthuͤr. Schon war ſie vors Haus getreten;— da erklang drinnen in der Unterſtube das Abendlied, das die wohlklingende feſte Stimme des alten Georg eben nach der ſchoͤnen Melodie begann:„Freu dich ſehr, o meine Seele,“— und die Seinigen nebſt den verſammelten Dienſtboten fielen vollſtimmig ein:
„Sink ich einſt in jenen Schlummer,
Aus dem Keiner hier erwacht,
Geh ich aus der Welt voll Kummer,
Todesruh, in Deine Nacht,
O, dann ſchlaf ich anders ein!
Weg aus dieſes Lebenspein
Wall ich hin zu deren Hütten,
Die, nun ſelig, hier auch litten.“
Das arme Maͤdchen blieb wie feſtgebannt vor der Thuͤre
ſtehen. Die ruͤhrenden Toͤne des Lieds drangen in ihre aufge⸗ regte Seele beruhigend, wie Stimmen aus einer hoͤheren Welt,
und ſtillten den Sturm, der im Innern tobke. Wie oft
hatte ſie ehemals im Vaterhauſe gerade auch dieſes Lied mit
ihren frommen Aeltern, ſelbſt noch ein unſchuldiges Kind, ge⸗
ſungen! Damals und jetzt,— welch ein Abſtand! Das kind⸗
liche Gottvertrauen des Saͤngers, das jeden Abend Gott ſein Leben befiehlt, wie grell ſtach es ab gegen den verbrecheriſchen Entſchluß, ſelbſt dem Leben ein Ende zu machen! Das Bild
der ſeligen Mutter, die geſtern ſo ruhig in dem Herrn entſchla⸗


