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Der Landpfarrer : eine Schrift für das deutsche Volk / von Julius Kell
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glieder Nuͤckſicht zu nehmen. Hierauf ward das Hauptlied des

Gottesdienſtes geſungen und Luthers Tiſchgebet geſprochen.

Abends aber nach dem Eſſen wurde ein Abendlied geſungen, wobei wo moͤglich alle Glieder des Hauſes verſammelt ſein mußten,

— ein Abſchnitt aus der heiligen Schrift geleſen, und ein kur⸗ zes Gebet geſprochen, oder eins der Hauptſtuͤcke des kleinen Lu⸗

therſchen Katechismus von einem der Kinder oder Dienſtboten gebetet.—

Georgs Bauerngut lag am Ende des Dorfes. Eine große

Linde lehnte ſich mit ihren breiten Aeſten uͤber das Dach des Wohnhauſes, welches an der Straße ſtand, die durchs Dorf fuͤhrte, und der alte Baum beſchattete ein trauliches Plaͤtzchen an der Hausthuͤr, auf deren einer Seite ein heller Waſſerſtrahl in den Trog plaͤtſchernd hinabfiel, auf der andern aber um die Linde herum ein ſteinerner runder Tiſch nebſt Baͤnken dem Voruͤberwandelnden Ruhe und Kuͤhlung boten.

In dieſem Hauſe des Bauers Georg ſaß am Abende deſ⸗

ſelben Tages, in einer der Kammern des obern Stocks, Eins der

Dienſtmadchen Georgs und weinte bitterlich. Es war Eliſa⸗ beth, die Tochter des Todtengraͤbers. Seit einigen Stunden

—

wußte ſie ihr Schickſal. Sie hatte ja mit eigenen Augen ihren

fruͤhern Geliebten, Chriſtian Brenz, an der Hand der Gaſtwirths⸗ tochter von der Pfarre zuruͤckkehren ſehen! Sie waren dort verlobt

worden,— des Pfarrers Dienſtmagd hatte es beſtaͤtigt!— Es war

Alles ſonnenklar,— Chriſtian hatte ſie verlaſſen. Ein Augen⸗ blick hatte die heiligſten Schwuͤre geloͤſt, und ſie war rechtlos! Wir wollen nicht den Schmerz, die Gewiſſensbiſſe, die Selbſt⸗ vorwuͤrfe, die Verzweiflung der Ungluͤcklichen zu ſchildern ver⸗ ſuchen, da ihr der ſchon oft bitter bereute Fehltritt jetzt erſt in ſeinen ungeheuren Folgen vor der Seele ſtand. Gut, daß die Mutter todt war, ſo erlebte ſie doch die Schande nicht. Aber der Vater? Der alte Thomas,— der alte wuͤrdige Vater, dem

der gute Ruf ſeiner Familie uͤber Alles ging? Und der ſtrenge

Bruder Johann!— Sie konnte nicht uͤber dieſe furchtbaren

Gedanken hinwegkommen;— ſie meinte, die Schande nicht uͤberleben zu koͤnnen! Verzweiflung bemaͤchtigt ſich der Armen

und verwirrte ihre Sinne!—„Was ſoll mir das Leben,“ dachte die Ungluͤckliche,„wenn Schande und Elend meiner war⸗ ten. Lieber todt als verachtet und verlaſſen.“ Dieſer erſt nur ſchuͤchtern in ihrer Seele aufſteigende Gedanke wuchs mit rei—