55
gen des Hauptes, dem abgemeßnen, gedankenloſen Laͤcheln und dem tanzmeiſterlichen Buͤckling eine kalte, oder gar tuͤckiſche Herzensmeinung verbergen?—
Georg war aber in jeder Hinſicht ein aͤchter Bauer nach altem Schrot und Korn. Die ſchneeweißen Haare des wuͤrdi⸗ gen Bauermannes wurden durch einen großen runden Kamm hinter gekaͤmmt und feſtgehalten, in der Art, wie man ſonſt viele unſrer Landleute einhergehen ſah. Ein Sammtkaͤppchen bedeckte das obere Haupt, und ein ſchwarzer Leinwandkittel mit blanken Knoͤpfen umſchloß die ſtarken ſehnigen Glieder des Greiſes. Der Alte hielt an manchem Alterthuͤmlichen feſt, was ſeine Nachbarn laͤngſt abgelegt hatten, nicht, weil es alt war, ſondern weil es ihm zweckmaßig vorkam, und er konnte ſich nicht recht mit den neuen Moden befreunden, welche, ohne etwas Beſſeres zu bringen, althergebrachte Sitten und Gebrauͤche in Kleidung und Lebensweiſe verdraͤngten und den Landmann zu einem Zwitterding zwiſchen Staͤdter und Bauer machten, der keins von Beiden doch recht ſei. Trieb er ſeine Liebhaberei viel⸗ leicht in Außendingen zu weit, ſo blieb er doch nicht beim Auͤ⸗ ßeren ſtehen, und vor Allem ſuchte er eine Ehre darin, die ehren⸗ feſte Geſinnung der Vorfahren, die Aufrichtigkeit, die ſprich⸗ woͤrtlich gewordene Biederkeit der Landleute, die einfachen, herz⸗ lichen Hoͤflichkeitsformen der Vaͤter, und hauptſaͤchlich die hauͤs⸗ liche Froͤmmigkeit der gottesfuͤrchtigen Alten in ſeiner Familie zu bewahren, und die hauͤslichen Morgen⸗ und Abendandachten, ſowie das Tiſchgebet, durften in ſeinem Hauſe nicht fehlen. So waren beſonders in der Winterzeit dieſe Abendandachten eine taͤgliche Regel, im Sommer aber, wo des Landmanns Be⸗ ſchaͤftigungen hauͤfig hindernd eintraten, fanden ſie wenigſtens regelmaͤßig Sonntags ſtatt. Der Sonntag war ihm uͤberhaupt ein heiliger Tag der Seelenruhe und Erquickung. Schon zum fruͤhen Morgen ward von der ganzen Familie ein Morgenlied geſungen, welches der Alte, als kundiger Saͤnger, ſelbſt an⸗ ſtimmte. Dann las er mit Andacht den ſonntaͤglichen Predigt⸗ tert vor und hielt darauf, daß Keins ohne Noth die Kirche verſauͤmte. Vor dem Mittagseſſen fragte er dann Kinder und Dienſtboten nach dem Inhalte der Predigt und wußte bei der Vertheilung der Fragen nicht ſelten auf die Vorgaͤnge der Woche, auf die Eigenthuͤmlichkeiten der Gefragten, auf etwa offenbar gewordene Fehler und Nachlaͤſſigkeiten der einzelnen Familien⸗
3


