Druckschrift 
Der Landpfarrer : eine Schrift für das deutsche Volk / von Julius Kell
Entstehung
Einzelbild herunterladen

15

aus dem Walde heim, die Heerden wanderten heimwaͤrts, Knechte und Maͤgde eilten von allen Seiten dem Dorfe zu, der Haus⸗ vater ſchob die Acker⸗ und Feldgeraͤthe in den Schuppen, und zog die muͤden Arbeitsthiere in den Stall, und die Hausfrauen ſtanden vor der Thuͤre und muſterten den gereinigten Hof, und die geſcheuerten Treppen, Stuben und Gefaͤße, der Hand⸗ werker aber hing ſein Handwerkzeug an die Wand, und Alle thaten, was ſie ſeit ihrer Jugend gethan hatten, und was Vater, und Großvater, und alle Vorfahren ſeit Jahrhunderten gethan hatten, ſie beſchloſſen die Arbeit der ſechs Tage, um am ſiebenten, dem erſten Tage der neuen Woche, zu ruhen.

Von der Tagesarbeit hinweg rief der Glockenton die Ge⸗ meinde zum Gebete; der Landmann auf dem Felde, der Hand⸗ werker in der Stube, der Kranke in ſeiner ſtillen Kammer, ſie alle entbloͤßten, wie auf einen Ruf von oben, nach einer frommen ſchoͤnen Sitte der Vorfahren, ihr Haupt und falteteten die Haͤnde. Es war Sonnabend Abends; ſollten nicht zum Wochenſchluſſe doppelt andaͤchtig Alle aufwaͤrts ſchauen zu Gott, um Ihm, wie taͤglich, ſo auch heute, fuͤr Kraft und Geſundheit, und was mehr iſt, fuͤr Seine Gnade, und Seinen ſich taͤglich innerlich erneuernden Segen des Geiſtes, zu danken? Der Wochenſchluß iſt ja auch ein Abſchluß des hoͤhern Geiſteslebens, ein Halte⸗ punkt auf der Pilgerreiſe nach dem Himmel; ſollte nicht der Chriſt auch in ſich hineinſchauen auf des Chriſtenlebens Wachs⸗ thum, Stilleſtand oder Ruͤckgang, zu ernſter aufrichtiger Selbſt⸗ pruͤfung?

In dem Obſtbaumgarten, durch welchen der Pfarrer jetzt nach Hauſe wanderte, begegnete ihm die Gattin, und er fuͤhrte ſeine Frau zu dem Aepfelbauͤmen hin, die ſie einſt im Jahre ihrer Verheirathung, nach alter Sitte, gepflanzt hatten. Die Fruͤchte, die ſie angeſetzt, waren ihnen heuer, wie ſonſt, eine ſtille Mahnung geweſen, bleibend reiche Frucht zu bringen, nicht blos fuͤrs irdiſche, ſondern auch fuͤrs himmliſche Leben, fuͤr welches ja auch die Ehe eine Vorſchule iſt! Aber auch die klei⸗ nen Bauͤme, die der Pfarrer in dem Geburtsjahre eines jeden Kindes geſetzt hatte, waren Gegenſtaͤnde herzlicher Freude fuͤr die beiden Aeltern.Wohl dem, der Freude an ſeinen Kindern erlebt rief der Prediger, und umarmte innig ſeine Gattin, die treue Gefaͤhrtin ſeiner Leiden und Freuden, die fromme Mutter und verſtaͤndige Erzieherin ſeine Kinder.