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Der Landpfarrer : eine Schrift für das deutsche Volk / von Julius Kell
Entstehung
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Der Alte nickte wehmuͤthig, die Kranke aber blickte heiter hinaus durchs Fenſter auf den Kirchhof und die Graͤber.

Es iſt doch recht huͤbſch, ſagte die Kranke,daß wir, wenn wir geſtorben ſind, alle wieder beiſammen liegen, ſo ganz an der lieben Kirche, wo wir ſo oft beiſammen waren, als wir noch lebten, und daß Niemand uns dann mehr vertreiben kann.

Die Alte ſeufzte; ihr eigner Bruder wollte ſie ja eben aus dem Hauſe vertreiben, in welchem ſie ſo lange gewohnt hatten. Lieber heute noch ſollten ſie ausziehen. Das Haus, welches der Bruder von einem Oheim geerbt hatte, war ja an Fremde verkauft.

Ich wuͤrde noch einmal ſo gerne ſterben, ſagte die Alte, wenn mein Thomas bei mir in der Naͤhe bleiben koͤnnte. Ich kanns gar nicht ſagen, wie mich das bekuͤmmert, daß wir beide ausziehen ſollen, jedes alleine, ich hier, und Du weit weg! Es hat mir immer ſo wohlgethan, wenn ich daran dachte, daß wir bei einander bleiben koͤnnten, wenn ich einmal fruͤher ſtuͤrbe.

Laß gut ſein, Mutter, verſetzte Thomas,ich komme ja alle Tage her, wenn ich die Graͤber mache. Und Blumen ſetze ich auch auf Dein Grab, Mutter.

Das glaube ich ſchon; entgegnete die Beſorgte,aber nun iſt mir's auch wieder, daß Du in einem fremden Hauſe wohnen ſollſt, wo Du die Thuͤren und die Treppe nicht kennſt. Du ſiehſt ſo ſchlecht, Du wirſt Dich ſtoßen, nichts wird Dir commode ſein; ach, Vater, ich denke, Du ſollſt mich recht vermiſſen.

Das iſt's eben, Mutter verſetzte Thomas,und da⸗ rum iſt's von Deinem Bruder doppelt ſchlecht, daß er uns zwingt, jetzt auszuziehen!

Unwirſch ſtieg der Alte jetzt auf einen Stuhl, und langte von dem Simſe oben ein Andachtsbuch herunter, um ſeiner Frau, welche heute noch das heilige Abendmahl genießen wollte, eine Betrachtung daraus vorzuleſen. 3

Der Alte ſetzte ſich neben das Bette ſeiner Frau in den

großen Lehnſtuhl, holte die Brille aus dem ledernen Saͤckchen 5

in der Taſche, wiſchte ſie ſorgfaͤltig ab, und das Buch in gehoͤ⸗ riger Entfernung vor ſich hinhaltend, las er mit lauter Stimme:

Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferſt, und wirſt allda eingedenk, daß dein Bruder